ABA Fachverband
Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V.

Der Verband für
handlungsorientierte Pädagogik 

 
 
 
 
     
       

Selbstevaluation in der Offenen Arbeit mit Kindern

In vielen Fachbüchern und Aufsätzen findet man Hinweise auf die Notwendigkeit der Auswertung und Bewertung (die Evaluation) der fachlichen Arbeit. Die Evaluation ist ein Strukturelement der Jugendhilfeplanung, der konzeptionellen Planung und auch des methodischen Arbeitens. Sucht man jedoch Vorschläge zur Aus- und Bewertung, findet man selten mehr als Plädoyers. Auswertung kann alles sein, vom eigenen Nachdenken auf der Nachhausefahrt über das Zusammentragen der Eindrücke im Team ("Wie fandet Ihr das denn heute?") bis hin zur Erstellung von Jahresberichten für den Träger, das Jugendamt und die Presse.

Die Selbstevaluation ist anspruchsvoller und auch aufwendiger. Sie strukturiert und dokumentiert die Reflexion und sie leitet zur Suche nach Qualitätskriterien an, die eine ergebnisorientierte Auswertung ermöglichen. Die Selbstevaluation wurde von Maja Heiner (1988) "erfunden" und ist - zumindest im Prinzip - wie die schon länger eingeführte Fremdevaluation konzipiert. Das bedeutet, daß man sich im wesentlichen am "wissenschaftlichen" Vorgehen orientiert: Man formuliert Untersuchungsfragen und stellt Hypothesen auf (Beschreibung eigener Annahmen über Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge). Man beschreibt Indikatoren (Sachverhalte, anhand derer man vermutete Ursachen und Wirkungen ablesen kann) und entwirft Erhebungsbögen, um die Beobachtungen aufzuzeichnen und später systematisch auszuwerten. Damit die Ergebnisse auch für Außenstehende nachvollziehbar und überprüfbar bleiben, wird die gesamte Untersuchungsarbeit dokumentiert.

Mit Verfahren der Selbstevaluation sollen die Fachkräfte selbst in die Lage versetzt werden, ihre Arbeit zu bilanzieren. Sie erhalten ein Handwerkszeug, das ihnen hilft, Fragen zum Verhältnis von Aufwand und Erfolg, zur Effektivität, zur Wirksamkeit und zur Angemessenheit ihrer beruflichen Arbeit selbst zu beantworten. Das wird zunehmend wichtig, weil ihre eigene Arbeitszufriedenheit sehr von einer positiven Antwort auf die Frage "Wofür wirst Du eigentlich bezahlt?" abhängt. Zu Zeiten, in denen eine hohe Personalfluktuation herrscht und wo ein Arbeitstag oft überwiegend aus "Organisation" besteht, können die Fachkräfte das "Eigentliche" ihrer Arbeit oft gar nicht mehr ausmachen. Wenn sie sich bemühen, konzeptionell und methodisch zu arbeiten, müssen sie zwischendurch immer wieder Evaluationsphasen einschieben und ihre derzeitige Ausgangsposition neu in den Blick nehmen. Sie stehen auch unter dem politischen Druck, ihre Existenz zu legitimieren und darzustellen, was sie mit welchem Ergebnis tun. Der Hinweis auf wachsende Probleme von Kindern reicht schon lange nicht mehr aus und Arbeit an der "Gestaltung positiver Lebensbedingungen für Kinder" kann (oder will) offensichtlich niemand bezahlen. Wenn die Fachkräfte der Meinung sind, daß die ihnen regelmäßig abgeforderten BesucherInnenzahlen kein Kriterium für die Qualität ihrer Arbeit sind, müssen sie andere Qualitätskriterien benennen und auch entsprechende Nachweise führen (vergleiche etwa die Anregungen von Achten und Strube 1988).

Das Spezifikum der Selbstevaluation ist, daß es in derVerfügung der Fachkräfte und ihrer KollegInnen liegt, was sie untersuchen, welche Methoden sie anwenden und in welcher Form sie ihre Ergebnissen weitergeben. Weil sie die Folgen einer Selbstevaluation besser einschätzen und kontrollieren können, können sie auch vorbehaltlosere Fragen an ihre eigene Arbeit stellen. Eine Einschränkung ist lediglich durch den erforderlichen zeitlichen Aufwand gegeben: Entweder muß das Team bereit sein, einer KollegIn Zeit für diese Aufgabe einzuräumen oder es muß mit dem Träger über Zeitäquivalente verhandeln (etwa Einstellung einer Honorakraft). Im letzteren Falle muß das Team dann natürlich damit rechnen, daß der Träger auch Ergebnisse sehen möchte. Andererseits wäre eine Selbstevaluation, die keine Folgen hat, auch fehlplaziert.

Die Schule ist ein Praxisfeld, in dem - sehr vereinfacht formuliert - Wissen vermittelt wird. Ob diese Vermittlung geklappt hat, wird traditionell mithilfe von Tests (Klassenarbeiten) "evaluiert". Paradoxerweise werden dann allerdings die Noten an die Kinder verteilt statt an die LehrerInnen. Die Selbstevaluation richtet den Blick auf die Qualität der methodischen Vermittlung, also der Tätigkeiten, die die Fachkräfte selbst durchführen. Man untersucht also immer nur das, was man selbst beeinflussen und verantworten kann; sonst ist es eine Fremdevaluation. Im Unterschied zur Schule streben die Fachkräfte in außerschulischen Einrichtungen wie der Offenen Arbeit mit Kindern keine "Ergebnisse" an. Dort geht es viel mehr um das Arrangement von Situationen, um Prozesse und Beziehungen. Was gibt es da zu evaluieren?

An anderer Stelle haben wir vier Perspektiven der Selbstevaluation unterschieden (vergleiche v.Spiegel 1993, 177 ff.):

● Mit der Absicht der Kontrolle bilanzieren die Fachkräfte ihre Arbeit. Sie suchen Ergebnisse und prüfen sie unter Effizienzgesichtspunkten und entscheiden dann, ob sie konzeptionelle oder auch methodische Änderungen vornehmen wollen.

● Mit der Untersuchungs-Perspektive der Aufklärung rekonstruieren sie Prozesse, die ablaufen und an denen sie beteiligt sind. Dadurch gewinnen sie Erklärungswissen über die Wirkung ihrer Handlungen, und sie bestätigen oder widerlegen, verändern oder erweitern ihre anfänglichen Vorannahmen (Hypothesen), die sie ihrem Handeln zugrundelegten.

● Die Qualifizierungs-Perspektive kommt da zum Tragen, wo PädagogInnen untersuchen, wie die Struktur, also die Rahmenbedingungen ihrer Einrichtung mit den konzeptionellen Arbeitsaufträgen korrespondieren. Sind sie förderlich, hinderlich, wirken sie selbst in einer Art und Weise, die ihre geplanten Vorgehensweisen unterlaufen?

● Sie können die Selbstevaluation auch als Innovations-Möglichkeit nutzen, wenn sie etwa ihre Arbeit konzeptionell an den im Rahmen der Jugendhilfeplanung festgestellten Bedarf im Stadt- oder Ortsteil angleichen wollen. Sie evaluieren dann, ob und wie es ihnen gelingt die neuen Angebote oder Methoden umzusetzen.

Wir stellen im folgenden eine Übersicht über mögliche Evaluationsfragen im Arbeitsfeld der Offenen Arbeit mit Kindern vor. In der Horizontalen sind die oben kurz skizzierten Perspektiven der Selbstevaluation aufgeführt. In der Vertikalen zeigen wir für jede Perspektive die Richtung der Evaluationsfragen auf (Worum geht es?); nennen wesentliche Bewertungskriterien (Welche Beurteilungsmaßstäbe werden angelegt?) zählen beispielhafte Untersuchungsgegenstände auf (Was kann man untersuchen?). Im weiteren zeigen wir für die drei wesentlichen Organisationsebenen in Einrichtungen der Offenen Arbeit mit Kindern, welche Untersuchungsfragen interessant sein könnten und (in Klammern) mit welchem methodischen Vorgehen man diesen Fragen nachgehen könnte.

Das Diagramm dient einem ersten Überblick und soll zeigen, wie weit das Spektrum für Fragen der Selbstevaluation sein kann.



Evaluationsfragen und -Perspektiven für die Offene Arbeit mit Kindern

Kontrolle (Ergebnisse) Aufklärung (Prozesse)
EvaluationsfrageBilanzierung: "Was ist herausgekommen?"

Prozeßrekonstruktion: "Was ist passiert?"

BewertungskriterienEffektivität, EffizienzWissenvermehrung
UntersuchungsmöglichkeitenZielerreichung, Verhältnis von Ziel und methodischem Vorgehen, von Aufwand undErfolg, Angemssenheit der Ziele

Soll-Ist-Vergleiche, Prozeßbeurteilung aus Kindersicht, Suche nach Wirkfaktoren, Sicherung von Ergebnissen

Ebene der Gesamtorganisation

Erfüllen wir mit unserer fachlichen Arbeit und unseren spezifischen Bedingungen und Arbeitsweisen die Versprechungen, die wir konzeptionell und gegenüber den zuweisenden Stellen geben? (Ist-Soll-Vergleiche)

Wie können wir unsere Arbeitsweisen und Arbeitsprinzipien unserer Einrichtung gegenüber den Jugendämtern und der Öffentlichkeit sichtbar machen? (Leistungsprofile, Legitimation)
TeamebeneHaben wir die in der Konzeption gesetzten Ziele (zum Beispiel Verselbständigung der Kinder) erreicht?

Welche pädagogischen und atmosphärischen Bedingungen tragen dazu bei, daß Kinder sich in unserer Einrichtung wohlfühlen und sie als "Lebensort" verstehen?

Fachkräfte

Erreiche ich die mir selbst gesetzten Zwischenziele? (Prozeßziele: Beziehungsgestaltung, Produktziele: Ergebnisse)

Stimmen meine Arbeitsprinzipien und mein tatsächliches Handeln überein? Wie unterscheiden sich Prozeßverläufe bei Kindern, die mir eine hohe Aufmerksamkeit abfordern und von solchen, die ich gar nicht beachte? Wie reagiere ich auf wen? Mit welchen Folgen?

Qualifizierung (Strukturen)Innovation (Konzeption)
Evaluationsfrage

"Wie kann die fachliche Qualität der Arbeit verbessert werden?"

"Wie und mit welchem Erfolg setzen wir Konzeptionsänderungen um?"
BewertungskriterienFachliche Standards, Effizienz

Akzeptanz, fachliche Standards

Untersuchungsperspektiven

Umfang und Verteilung der Arbeitskraft, Leistungsprofile, Konstruktion von Arbeitsverhaltensmustern

Leistungsprofile im Vergleich zu aktuellem Bedarf, Einführung und Evaluation neuer Konzepte

Ebene der Gesamtorganisation

Wie können die konzeptionellen Arbeitsaufträge mit den vorhandenen Ressourcen realisiert werden? (Verhältnis von Aufwand und Erfolg)
Sind die Kommunikationsstrukturen funktional? (Kräftefeldanalyse)

Wie können wir neue konzeptionelle Projekte, die aufgrund einer kritischen Bestandsanalyse oder einer Bedarfserhebung notwenig werden, einführen und zugleich  dokumentieren, daß  eine Beurteilung ihres Erfolgs möglich wird?
TeamebeneWelche Aufgaben sind im Team zu leisten und wie ist die Zusammenarbeit geregelt? (Arbeitsplatzbeschreibung, Rollenanalyse, Rollenverteilung, Ablauforganisation)

Wie können wir unsere fachliche Arbeit besser an fachlichen Standards und den Leitlinien des KJHG ausrichten? (Entwurf von Arbeitsprinzipien und Handlungsregeln sowie deren Evaluation)

Ebene der Fachkräfte

Aus welchen Tätigkeiten besteht mein Arbeitsalltag? Entspricht die Zeitverteilung
 meinen fachlichenVorstellungen? (Zeitbudget)

Wie kann ich meine erzieherischen Angebote und Interventionen den Bedürfnissen der Kinder anpassen? Wie wirken meine methodischen Vorgehensweisen?

 

Einige Vorschläge, vor allem die Hinweise zum methodischen Vorgehen werden in der hier verkürzten Darstellung nicht allen LeserInnen verständlich sein. Das hängt unter anderem damit zusammen, daß viele Methoden in Anlehnung an sozialwissenschaftliche Vorgehensweisen entwickelt werden. Fachkräfte, die über keine entsprechende Ausbildung verfügen, fühlen sich dadurch vielleicht abgeschreckt. Es ist aber ohnehin sinnvoll, sich bei der ersten Selbstevaluation von einer/einem EvaluationsberaterIn bei der Erarbeitung der Untersuchungsfragen und bei der Auswahl und Konstruktion ihrer Untersuchungsmethoden helfen zu lassen. Für alle hier vorgeschlagenen methodischen Vorgehensweisen gilt darüber hinaus, daß die Fachkräfte zwischen einer strengen und einer legeren Auslegung der wissenschaftlichen Gütekriterien variieren können. Im ersten Fall nähern sie sich der Praxisforschung an, im zweiten dem methodischen Arbeiten.

Wie schon im vorigen Kapitel (21) erwähnt, baut die Selbstevaluation auf die zentralen Tätigkeiten des methodischen Arbeitens wie konzeptionelles Arbeiten, Situations- und Problemanalyse, Arbeit mit Arbeitsprinzipien, Handlungsanweisungen und Handlungsregeln und auch verschiedene Planungsprozesse auf. Im Unterschied zu anderen Qualifizierungsverfahren wie etwa der Supervision fordert die Selbstevaluation eine umfangreiche schriftliche Arbeit; ohne Dokumentation kann keine Selbstevaluation stattfinden. Hinweise zur konkreten Durchführung von Evaluationsvorhaben findet man in den folgenden Literaturempfehlungen.


Weiterführende Literatur

Eine theoretische Einordnung und Begründung der Selbstevaluation, Informationen zur Geschichte der Evaluation und zum Unterschied von Fremd- und Selbstevaluation, Erläuterungen zu Bewertungskriterien und Untersuchungsperpektiven findet man in:

● Spiegel von, Hiltrud: Aus Erfahrung lernen. Qualifizierung durch Selbstevaluation. Münster 1993


Theorie zur Selbstevaluation, Hinweise zum Aufbau einer Untersuchung und viele Darstellungen von durchgeführten Untersuchungen (leider keine Fallbeispiele aus der Offenen Arbeit mit Kindern) sammelte:

● Heiner, Maja (Hrsg.): Selbstevaluation in der sozialen Arbeit. Fallbeispiele zur Dokumentation und Reflexion beruflichen Handelns. Freiburg i. Br. 1988

● Heiner, Maja (Hrsg.): Selbstevaluation als Qualifizierung in der Sozialen Arbeit. Fallstudien aus der Praxis. Freiburg i.Br. 1994


Eine umfassende Sammlung von Methoden, die dem methodischen Arbeiten und der Selbstevaluation dienen können, vereint der Band:

● Heiner, Maja, Meinhold, Marianne; von Spiegel, Hiltrud; Staub-Bernasconi, Silvia: Methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit. Freiburg i. Br. 1994


Sehr hilfreich, auch für die schwierige Bearbeitung von Fragen des Verhältnisses von Aufwand und Erfolg in der Sozialen Arbeit ist:

● Brack, Ruth: Das Arbeitspensum in der Sozialarbeit. 3. überarbeitete Auflage, Bern 1994


Es gibt einige sehr wenige Hinweise auf Fragen zur Erfolgsbeurteilung in der Offenen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Wir empfehlen:

● Achten, Engelbert, Strube, Claudius: Erfolgsbeurteilung in der offenen Jugendarbeit. In: Gernert, Wolfgang (Hrsg.): Sozialarbeit auf dem Prüfstand. Fachlicher Anspruch und Verwaltungskontrolle. Freiburg i. Brsg. 1988, S. 132 - 140

● Steinberg Thomas: Erfolgskontolle sozialer Einrichtungen am Beispiel eines Abenteuerspielplatzes. In: Verbandskurier. Forum für Kinder- und Jugendarbeit. 4. Quartal, 1994, S. 32 - 34

● Spiegel von, Hiltrud: Die Produktbeschreibung als Grundgerüst für eine Selbstevaluation in der Offenen Jugendarbeit. Erscheint in: Deinet, Ulrich; Sturzenhecker, Benedikt (Hrsg.): 1996

 

Hiltrud von Spiegel: Offene Arbeit mit Kindern - (k)ein Kinderspiel

 

 

 

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