ABA Fachverband
Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V.

Der Verband für
handlungsorientierte Pädagogik 

 
 
 
 
     
       

Methoden zur Analyse der Lebenswelt von Kindern

Wenn PädagogInnen in der Offenen Arbeit mit Kindern die Bedingungen des Aufwachsens für Kinder positiv beeinflussen wollen, müssen sie eine Vorstellung darüber haben, welche Bedürfnisse und Interessen diese Kinder haben. Kinderinteressen haben allein schon aus praktischen Erwägungen eine maßgebliche Bedeutung, denn der Besuch Offener Einrichtungen geschieht freiwillig. "Kinder können selbständig über ihre Teilnahme und deren Beginn, Dauer, Ende, Verlauf, Inhalt, Partnerstruktur entscheiden. Es gibt keinerlei Machtmittel, die dem Pädagogen in 'offenen Situationen' zur Verfügung stehen, um das Kommen, Wiederkommen, Dableiben oder Mitmachen langfristig zu erzwingen. Wir sehen die wichtigste, vielleicht einzige Möglichkeit, langfristige Mitarbeit der Kinder zu bewirken, darin, daß der Pädagoge Aufforderungsreize für die Kinder schafft, daß die Arbeit insgesamt attraktiv ist", schreiben Nahrstedt u.a. (1986, 94, Hervorhebung im Original). Die PädagogInnen müssen also herausfinden, was für die Kinder zur Zeit "attraktiv" ist, was sie beschäftigt und interessiert. Sie sollten also von Zeit zu Zeit die subjektiven Bedürfnisse der BesucherInnen (und auch derjenigen, die nicht kommen) erkunden. Das können sie auf verschiedenen Wegen tun:

● Sie können Nutzungsanalysen ihrer Angebote vornehmen (vergleiche Kapitel 16);

● sie können Forschungsergebnisse zu vergleichbaren Fragen nach Kinderfreizeitinteressen heranziehen (vergleiche Kapitel 5);

● sie können Beteiligungsverfahren einführen, um zu sichern, daß die Kinder ihre Interessen und Bedürfnisse in die Arbeit einbringen (vergleiche Kapitel 17);

● und sie können Kinder beobachten und direkt befragen.

In diesem Kapitel stellen wir eine Reihe von sozialwissenschaftlichen Methoden vor, die sich (teilweise abgewandelt) zur Erforschung von Kinderbedürfnissen bewährt haben. Es sind:

a) Teilnehmende Beobachtung von Kindern;
b) explorative Befragung;
c) "Situatives" Kinderinterview mithilfe von Medien;
d) Mental map beziehungsweise Cognitive map (Spielweltplan);
e) Autofotografie;
f) Spiel- und Streifraumanalyse;
g) Zeitbudget;
h) Assoziative beziehungsweise projektive Methode;
i) Autobiografisches Erzählspiel;
j) Narratives Interview;
k) Soziales Atomspiel;
l) Soziogramm;
m) Zukunftswerkstatt;
n) Rollenspiel.

Die Methoden a) bis h) eignen sich hauptsächlich, um zu erfahren, wo, wie und was Kinder spielen, wie ihr Aktionsradius aussieht und wie sie ihre direkte Umgebung wahrnehmen und mit welcher Bedeutung sie sie versehen. Die Methoden i) bis l) können helfen, die autobiografische Dimension zu erhellen. Hier geht es um Rückblicke in die noch kurze, aber oft schon sehr ereignisreiche Vergangenheit der Kinder und um ihre sozialen Beziehungen. Man kann sie zusätzlich einsetzen, wenn man umfassende "Porträts" einzelner Kinder herstellen möchte, die in ihrer Aussagekraft über die Ergebnisse zur sozialräumlichen Umwelt hinausgehen sollen. Die Methoden l) und m) sind über ihren Informationswert hinaus auch geeignet, Kinder an der Planung und Mitgestaltung der Arbeit in der Einrichtung zu beteiligen.

Wir stellen des Überblicks wegen die wesentlichen Informationen stichwortartig zusammen. Wer mehr über den Entstehungszusammenhang und die methodische Durchführung wissen möchte, sollte in der Originalliteratur nachlesen (Literaturhinweise sind in den Text eingearbeitet).


a) Teilnehmende Beobachtungen von Kindern

Ziele:
- Herausfinden der Zentren und Treffpunkte kindlicher Aktivitäten.
- Beobachtungen von Nutzungs- beziehungsweise Umnutzungsmöglichkeiten bestimmter Orte und Gegebenheiten.
- Welche Aktivitäten werden von Kindern wo und in welchen Situationen ausgeübt?
- In welcher Abhängigkeit steht das Verhalten zu einer bestimmten Umwelt?

Vorgehensweise:
-
Anfertigung von möglichst standardisierten Beobachtungsbögen, die je nach Beobachtungsfrage Ankreuzmöglichkeiten bieten.
- Aufenthalt der BeobachterInnen vor Ort.
- Art, Anzahl und Ort von Aktivitäten und auch personenbezogene Daten werden in einen Stadtplan oder die Beobachtungsbögen eingetragen und später ausgewertet.

Variationsmöglichkeiten:
- "Flush-light"-Methode: In einem bestimmten Bezirk wird in einer begrenzten Zeit ein Rundgang unternommen. Alle angetroffenen Kinder werden wie mit einem Blitzlicht aufgenommen und beschrieben (zu Kategorien für diese "Momentaufnahme": Berg-Laase u.a. 1985).
- "Time-sample"-Methode: BeobachterInnen haben einen festen Standort und protokollieren in vorher festgelegten Zeitintervallen alle zu beobachtenden Aktivitäten der anwesenden Kinder.
- "Dauer-Beobachtungsmethode": bestimmte Kinder (-gruppen) werden über einen bestimmten Zeitraum bei wechselnden Aktivitäten (begleitend) beobachtet.
- "Teilnehmende Beobachtung": im Gespräch oder auch während gemeinsamer Aktionen
- "Problemorientierte Beobachtung": Vertiefung einer bestimmten Frage; Verfahren und Schritte bleiben weitgehend offen; der Frage- beziehungsweise Hypothesenrahmen wurde aber vorher begründet festgelegt (beispielhafte Fragen: Berg-Laase 1985 u.a.).

Auswertungsmöglichkeiten:
- Was fällt Kindern trotz (mono-)funktionaler Umweltgestaltung immer noch ein?
- Zuordnung bestimmter "Verhaltensmuster" (behaviour patterns) zu bestimmten Orten und bestimmten Gruppen (Muchow, Muchow 1978).
- Erstellung einer "Verhaltenskartographie".
- Darstellung eigener Gefühle und Deutungen während der Beobachtungen (Harms u.a. 1985, 414 ff.).

Mögliche Folgeaktionen:
- Kontaktaufnahme zu den Kindern;
- Nutzung der Kontakte für weitere Ansprache und pädagogische Aktionen.

Bemerkungen, Besonderheiten:
- Die BeobachterInnen müssen in Methode und Beurteilung geschult werden. Sie müssen zum Beispiel Kenntnisse über den körperlichen Entwicklungsstand von Kindern haben, um deren Alter schätzen zu können.
- Die "nichtteilnehmende" oder "funktionale" Beobachtung ist insofern problematisch, als Kinder sehr schnell erfassen, daß sie beobachtet werden. Das hat Auswirkungen auf ihr Verhalten. Sie läßt sich eigentlich nur dort anwenden, wo die Anwesenheit fremder Erwachsener selbstverständlich ist (im Kaufhaus) und liefert somit nur begrenzte Informationen.
- Die teilnehmende Beobachtung dient im wesentlichen der Exploration beziehungsweise einer ersten Hypothesenbildung oder der Vertiefung des Verständnisses anderweitig gewonnener Daten (Harms u.a. 1985).


b) Explorative Befragung von Kindern (Leitfadeninterview)

Ziele:
- Anknüpfung erster Kontakte,
- Erwerb von Basiswissen

Vorgehensweise:
- Formulierung von "offenen" Fragen, also solchen, die nicht die Antworten begrenzen, nahelegen oder gar vorgeben.
- Die Fragen sollten so aneinandergereiht sein, daß abrupte Themenwechsel vermieden werden. 
- Eine Befragung sollte nicht länger als 45 - 60 Minuten dauern.
- Es sollte ein Pretest mit einer kleinen Gruppe durchgeführt werden, bevor man eine groß angelegte Aktion startet.
- Aufzeichnen der Antworten mit dem Kassettenrecorder.

Variationsmöglichkeiten:
- Wenn ein Einzel-Gespräch schwer möglich ist, Leitfaden für eine Gruppendiskussion benutzen.
- Leitfaden als Fragebogen gestalten und in Schulklassen oder Einrichtungen der Offenen Arbeit mit Kindern ausfüllen lassen.

Auswertungsmöglichkeiten:
- Antworten kategorisieren
- Häufigkeiten auszählen
- Darstellung der Ergebnisse mithilfe von Strichlisten oder Diagrammen.
- Zusammenhangsanalyse über Kreuztabellen.

Mögliche Folgeaktionen:
- Man kann die Ergebnisse für eine Hypothesenbildung benutzen, um vertiefende Untersuchungen zu planen.
- Die Fragenaktion kann aktivierend wirken, weil sie die Kinder anregt, sich mit ihrer Lebenswelt auseinanderzusetzen.

Bemerkungen, Besonderheiten:
- Man kann impressionistische Eindrücke oder Fallstudien durch "repräsentative" Daten stützen, wenn man Fragebögen in Schulklassen ausfüllen läßt, die eine einigermaßen vollständige Erfassung einer bestimmten Altersgruppe gewährleisten und in denen eine angemessene Hilfestellung durch Erwachsene möglich ist (Achtung: Solche Aktionen müssen bei der Schulleitung angemeldet und durch sie genehmigt werden).
- Kinder können Fragebögen nicht allein auszufüllen. Sie brauchen dabei das Gespräch untereinander und mit Erwachsenen.
- 11- 13jährigen scheint so etwas Spaß zu machen, jüngeren und älteren nicht mehr so sehr. *Ausländische Kinder können eine Scheu entwickeln, weil sie hier mit ihren mangelnden Schreib- und Lesekenntnissen konfrontiert werden (Friedrich u.a. 1984).


c) "Situative" Kinderinterviews mithilfe von Medien

Ziele:
- Kontaktaufnahme zu Kindern.
- Erkundung der Aneignungsformen und der Nutzung des Stadt- oder Ortsteils durch die Kinder.
- Kenntnis über Freundschaften und Cliquenbildungen. -
Herausfinden der Meinungen zu Spielmöglichkeiten im Stadt- oder Ortsteil.
- Sammlung von Wünschen zur Veränderungen der Spielorte.
-  Informationen über die Spiel- und Streifräume der Kinder.
- Informationen über das Verhältnis der Kinder zu Erwachsenen.
- Erkundung für Kinder gefährlicher und konfliktauslösenden Orten.

Vorgehensweise:
- PädagogInnen wandern mit der Videokamera durch den Stadt- oder Ortsteil (funktionierendes Außen- beziehungsweise Richtmikrofon ist wichtig) und interviewen Kinder dort, wo sie sie antreffen.
- Die Fragen sollen offen sein und sich auf die Spielmöglichkeiten und auf Erfahrungen mit der Umgebung und den Menschen (Erwachsene und andere Kinder) beziehen.
- Der Ort der Interviews muß protokolliert werden (wegen der Ortsgebundenheit der Einschätzungen).
- Ergänzung durch Wahrnehmungsprotokolle der PädagogInnen im unmittelbaren Anschluß an die Aktion.

Variationsmöglichkeiten:
- Kindern die Kamera in die Hand geben und sie selbst die Interviews führen lassen.
- Kinder interviewen Erwachsene.
- Ausgestaltung als Rollenspiel: Kinder sollen PädagogInnen bei der Gestaltung eines Videofilms beraten.
- PädagogInnen verabreden sich mit Kindercliquen, um sich deren Spielplätze zeigen zu lassen und interviewen und fotografieren sie dabei (Apel u.a. o.J.).
- Einbau in ein "ReporterInnenspiel" mithilfe von Attributen, wie "ReporterInnenausweis" oder Notizblock mit Stift (Steinmaier 1989).

Auswertungsmöglichkeiten:
- Katalogisierung der besuchten Orte, der beobachteten und erzählten Aktivitäten, der Kontakte zu und Konflikte mit anderen Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen, der Motivation für die Nutzung der Orte, der Häufigkeit der Nutzung, der subjektive Beurteilung der Orte, der Konkurrenzen um die Nutzung des Ortes, Veränderungswünsche und -vorstellungen (Aufzählung und weitere Auswertungshinweise: Harms u.a. 1985).
- Spiel- und Streifräume der Kinder und ihrer Cliquen aufzeichnen.
- Wünsche und Kritik auflisten.
- Ideen und Anregungen für Umgestaltung zusammenstellen.

Mögliche Folgeaktionen:
- Kinder einladen, mit zum "Stützpunkt" der PädagogInnen (Freizeitzentrum, Spielhaus) zu kommen, um die Videos zusammen anzusehen.
- Während und nach dem gemeinsamen Sehen weitere Fragen stellen. * Anregen, gemeinsam einen Film zu machen.
-  Zusammenstellung einer Ton-Dia-Schau, einer Zeitung oder einer Ausstellung über die (mangelnden oder auch trotz allem vorhandenen) Spielmöglichkeiten für Kinder im Stadtteil mit oder ohne Kinder.
- Entwurf eines Rahmenprogramms für eine solche Ausstellung (Theater, Musik, Stadtteilfest, Fachtagung).
- Spezielle "Vorführtermine" für Eltern, ExpertInnen, PolitikerInnen.
- Gemeinsame Herstellung eines "Stadtführers" für Kinder (Pädagogische Aktion 1985).

Bemerkungen, Besonderheiten:
- Oft beginnen solche Aktionen mit einigen wenigen Kindern oder einer einzigen Kinderclique. Nach und nach kommen neue Kinder hinzu.
- Gerade wegen der Folgeaktionen ist die Verlockung einer "Projektwoche" groß. Die PädagogInnen müssen aber mit einer gewissen Fluktuation rechnen.
- Die weiterführenden Aktionen sind für Kinder unter 8 Jahren schwierig.


d) Mental maps/Cognitive maps (Spielweltpläne)

Ziele:
Herausfinden der individuellen Bedeutung der Bedingungen des Wohnumfeldes (Orte und Gegenstände).
- Welche Spielorte sind Kindern wichtig?
- Wie nehmen sie zum Beispiel den ruhenden und fließenden Verkehr wahr?

Vorgehensweise:
- Anfertigung von Zeichnungen der näheren und weiteren Wohnumwelt ("Spielweltpläne"). Die Gegenstände, Orte, Menschen, die besonders wichtig sind, sollen gemalt werden.

Variationsmöglichkeiten:
- Gegenstände, Orte, Menschen, die zur Ausstattung der Wohn- und Spielumgebung gewünscht werden, sollen gemalt oder gebaut werden (der Wunschspielplatz).
- Erwachsene können solche Spielweltpläne aus der Erinnerung für bestimmte Lebensaltersstufen anfertigen. Sie können sich damit kindlichen Sichtweisen annähern, aber auch eine Sensibilität für Unterschiede und Veränderungen gewinnen.

Auswertungsmöglichkeiten:
- Die Interpretation der Zeichnungen kann Aufschlüsse über Bedeutungen von Spielorten geben: Wie sorgfältig ist welcher Bereich ausgestaltet? Was ist groß, was klein gezeichnet? Weichen reale und gemalte Entfernungen voneinander ab? Welche Orte sind überhaupt dargestellt und welche fehlen?
- Gibt es Unterschiede zwischen der Darstellung von Jungen und Mädchen, deutschen und ausländischen Kindern?

Mögliche Folgeaktionen:
- Für Erwachsene: Austausch über die Spielweltpläne der Kindheit
- Anreichern und Ergänzen durch "Erinnerungsschätze" (Kindheits- beziehungsweise Teenie-Accessoires).
- Gespräche über Kindheit und Kindheitsmythen, die Urteile über "Kindheit heute" undurchschaut beeinflussen.
- Aufschlüsse über die biografischen Wurzeln erzieherischer Wunschvorstellungen.
- Für Kinder: Einzel- oder Gruppengespräche über die Bedeutung der Wohn- und Spielumwelt.
- Gemeinsame Erörterung von Veränderungsvorschlägen (möglichst aufzeichnen).
- Quasi "nebenbei" geraten auch problematische (Familien- und Freundschafts)Verhältnisse in den Blickpunkt.

Bemerkungen, Besonderheiten:
- Die mental maps der Erwachsenen begrenzen sich meist auf die Zeit des Grundschulalters. Der Aktionsradius weitet sich später erheblich aus, so daß topografische Wiedergaben dann kaum noch möglich sind.
- Erwachsene erinnern ihr Zuhause, ihre nahe Wohnumgebung im "Teeniealter" nur als Stützpunkt, während die Zentren des Erlebens häufig woanders lagen, dort, wo etwas los war.
- In jedem Fall erhöhen sie das Interesse und den Spaß an der Arbeit.
- Kindern im Grundschulalter scheint diese Aufgabe auch Spaß zu machen; Ältere tun sie eher als "Kinderkram" ab (Harms u.a. 1984).
- Eine Auswertung solcher Zeichnungen muß sehr spekulativ bleiben und kann lediglich Hypothesen liefern, die sorgfältig überprüft werden müssen, um nicht gängigen Klischees (etwa über geschlechtstypische Vorlieben) aufzusitzen.
- Ein sorgfältiges Vorgehen erfordert im Prinzip Kenntnisse über die Interpretation von Kinderzeichnungen.


e) Autofotografie

Ziele:
- Sammlung von Eindrücken darüber, was Kinder selbst in ihrer Lebenswelt wichtig finden.
- Aufmerksamkeit für deren eigene Interpretation.

Vorgehensweise:
- Kinder erhalten den Auftrag, Personen, Dinge und Umgebungen zu fotografieren, die etwas von ihnen selbst ausdrücken oder die Teil von ihnen sind.
-  Die Einführung kann über eine Geschichte laufen, in der von einer Tante in Australien die Rede ist, die noch nie hier war und die auch nicht deutsch spricht. Dieser Tante soll eine Fotogeschichte geschickt werden, die etwas über das tägliche Leben der Kinder und ihre Persönlichkeit aussagt.
- Die Kinder erhalten einen "geladenen" Fotoapparat, den sie für eine verabredete Zeit allein handhaben dürfen. Sie können ihn also auch mit nach Hause nehmen, um dort zu fotografieren.
- Die PädagogInnen verabreden einen Rückgabezeitpunkt.
- Sie übernehmen die Kamera und entwickeln die Fotos.
- Ein verabredeter Treff dient dem gemeinsamen Gespräch über die Fotoserie; die Kinder können die Fotos erläutern und interpretieren.
- Eine Aufzeichnung der Auswertungsgespräche ist wünschenswert.

Variationsmöglichkeiten:
- Bei kleinen Kindern kann man mitgehen und Aufnahmen nach Anweisung fertigen.
- Man kann die Zahl der Fotos von vornherein begrenzen (10 Bilder sollen fotografiert; davon 7 an die Tante verschickt werden).

Auswertungsmöglichkeiten:
- Die Kinder sollen Abzüge ihrer Fotos bekommen.
- Die Auswertung der Gespräche kann zu Aufschlüssen über Spiel- und Streifräume der Kinder führen;
- sie vermittelt auch etwas über die Bedeutung der Orte, Personen, Gegenstände.

Auswertungskategorien:
- Welche Perspektive wurde fotografiert (nah/fern)?
- Wie ist die Integration des Bildes?
- Wie selbstrepräsentativ ist das Bild?
- Welche Aktivitäten vermittelt das Bild?
- Wie ist der Reflexionsgrad des Bildes?
- Hat das Bild Erinnerungswert?
- Hat das Bild symbolischen Wert? (Hormuth, Lalli 1977).

Mögliche Folgeaktionen:
- Eintragen der Spiel- und Streifaktivitäten in eine Stadtkarte
- Ausstellung.

Bemerkungen, Besonderheiten:
- Es gibt große Unterschiede in Motiven und Positionen, wenn die Kinder sich selbst fotografieren. Wenn Erwachsene zugegen sind, werden Posen "gestellt", findet sich Imponiergehabe.
-  Allein fotografierte Bilder sind zwar vielleicht verwackelt oder perspektivisch merkwürdig, verraten aber mehr über die Kinder selbst.
- Das Ausleihen der Fotoapparate ist meist problemlos. Meist sind die Kinder so erfreut darüber, daß sie selbst und allein fotografieren dürfen, daß sie die Apparate pfleglich behandeln und pünktlich wieder zurückgeben.


f) Spiel- und Streifraumanalysen

Ziele:
- Herausfinden der Mobilität der Kinder.
- Kennenlernen ihrer näheren und weiteren Umgebung.

Vorgehensweise:
- Den Kindern werden übersichtliche Stadtpläne ihres Stadtteils vorgelegt, in die sie zunächst Namen, Alter, Geschlecht und Nationalität eintragen sollen (Harms u.a. 1985).
- Sie sollen dann ihre Wohnung und alle weiteren für sie bedeutsamen Gebäude und Orte eintragen (Schule, Spielplätze, Treffpunkte, Wohnungen von Freunden und Verwandten, Sporthalle, Schwimmbad, Musikschule).
- Im weiteren sollen sie alle Straßen und Plätze, die sie genau kennen, in denen sie sich oft aufhalten, farblich markieren.
- Eine andersfarbige Markierung soll die Orte und Straßen kennzeichnen, die sie gelegentlich benutzen.

Variationsmöglichkeiten:
- Ausfüllen der Karten in Cliquen, da sich Kinder ihren Stadtteil meist in Gruppen aneignen.
- Ergänzung durch gezielte Befragung der Kinder.

Auswertungsmöglichkeiten:
- Auswertung der Stadtpläne im Hinblick auf Nutzungshäufigkeiten bestimmter Orte
- Kennzeichnung der Spiel- und Streifräume der einzelnen Kinder und Cliquen.
- Analyse des Lebensraumes bezüglich sogenannter ökologischer Zonen (Thomas 1979, Baacke 1980).

Mögliche Folgeaktionen:
- Entwicklung von Aktivitäten und Spielen zur Ausweitung des Spiel- und Streifraumes von Kindern (Erkundungs-Spiele wie Stadtteilrallyes oder optische Schnitzeljagd).
- Anschaffung beziehungsweise Reparatur von Fahrrädern, Fahrradtouren, Einübung der Benutzung von Bus und Straßenbahn.
- Exkursionen in die nähere und weitere Umgebung, gemeinsame Erkundung geeigneter Spielplätze.
- Einflußnahme auf Infrastruktur und Stadtplanung, vor allem bezogen auf wohnungsnahe Spiel- und Treffmöglichkeiten.
- Ausweitung der pädagogischen Arbeit der Einrichtungen auf den Stadt- oder Ortsteil.

Bemerkungen, Besonderheiten:
- Die Kinder zeigen sich gern ihre Zeichnungen. Sie tauschen sich darüber aus und helfen sich bei der Orientierung. Das sollte zugelassen werden.
- Wahrscheinlich möchten sie ein Exemplar der Karte für sich selbst haben.


g) Zeitbudgets von Kindern

Ziele:
- Aufschluß gewinnen über die pflichtfreie Zeit von Kindern
- die Aufteilung ihrer gesamten Tageszeit.

Vorgehensweise:
- Aufforderung an die Kinder, eine Woche lang aufzuschreiben, was sie im Tagesverlauf getan haben (mit Uhrzeiten)
- oder (in der Schule) kleine Aufsätze schreiben lassen: "Was ich gestern/am Wochenende getan habe".

Variationsmöglichkeiten:
- Den Kindern hübsche, mit Fotos ihrer Stars verzierte "Tagebücher" schenken oder solche mit ihnen basteln.
- Wo Schreiben schwierig ist, Befragung über die jeweils gestrigen Tätigkeiten oder die der letzten Woche.
- Begleitung des Tagesablaufs einzelner Kinder mit dem Fotoapparat oder der Videokamera.

Auswertungsmöglichkeiten:
- Kategorisierung nach Tätigkeitsarten, Häufigkeiten.
- Unterscheidungen nach Alter, Nationalität und Geschlecht sowie Wohngebiet (Stadt/Land)
- Analyse im Hinblick auf angemessene Betreuung und Versorgung der Kinder (Schlüsselkinder).
- Erhebung frei verfügbarer Zeit, zusammenhängend - oder "Zeitreste" (Müller-Wichmann 1984)
- Gestaltung von Werktagen und Wochenenden.

Mögliche Folgeaktionen:
- Angebote zur Erweiterung von Freizeitaktivitäten
- Entlastung von Geschwisterbetreuung
- Hortangebot.
- Mittagessen, Schularbeitenhilfe.
- Ausstellung über typische Tagesabläufe von Kindern (Klinger, Lusznat 1983).

Bemerkungen, Besonderheiten:
- Häufig erscheinen die Zeitbudgets auf den ersten Blick etwas mager (Harms u.a. 1985, 463 ff.).
- Manchmal muß der Erinnerung durch eine Befragung auf die Sprünge geholfen werden.
- Notfalls kann man die Tage auch mithilfe des Fernsehprogramms rekonstruieren.
- Aktivitäten, denen keine besondere Bedeutung beigemessen wird (und dazu zählt durchaus auch das Fernsehen), geraten leicht in Vergessenheit.


h) Assoziative beziehungsweise projektive Methoden

Ziele:
- Aufschlüsse über die Bedeutung von Gegenständen, Orten, Menschen für Kinder.

Vorgehensweise:
- Kinder werden (allein oder in der Gruppe) aufgefordert, vorgelegte Zeichnungen, Fotos, Filmsequenzen zu kommentieren. Die Gespräche werden aufgezeichnet.

Variationsmöglichkeiten:
- PädagogInnen stellen selbst gezeichnete oder fotografierte "Bildergeschichten" mit leeren Sprechblasen her, die von den Kindern mit Text versehen werden sollen.
- Zu bestimmten Anlässen (Zeltlager, Projektwoche, Kinderfest) wird ein Gruppenbuch/Lagerbuch animativ gestaltet und zur weiteren Verwendung den Kindern übergeben.

Auswertungsmöglichkeiten:
- Die so entstandenen Texte können inhaltsanalytisch ausgewertet werden: Textstellen paraphrasieren, unter vorab entwickelte Kategorien subsummieren und im Anschluß Häufigkeiten auszählen (Mayring 1985).

Mögliche Folgeaktionen:
- Die Analyse des (persönlichen, emotionalen) Bedeutungsgehaltes von Aussagen kann weitergehende Erkenntnisse über Lebenswelten von Kindern vermitteln, die über Beobachtungen allein nicht zu erschließen wären.

Bemerkungen, Besonderheiten:
- Möglicherweise ist die Materialbasis hier teilweise zu schmal. Um die Aussagen von Kindern inhaltsanalytisch zu ana­lysieren, sind entwicklungspsychologische Kenntnisse über spezielle Themen und Sinngebungen (Konnotationen) in verschiedenen Entwicklungsphasen unabdingbar.
- Wahrscheinlich eignen sich inhaltsanalytische Verfahren besser für die Auswertung sprachlichen Materials von Jugendlichen.
- Die Verfahren sind in jedem Falle mit anderen Methoden zu kombinieren, wie der Bezug auf den Kontext schon nahelegt.


i) Autobiografisches Erzählspiel

Ziele:
- Kinder: Rückerinnerungen der Kinder.
- Erwachsene: Annäherung an Kindheitserlebnisse, die das Verständnis aktueller Situationsdefinitionen und Deutungsmuster vertiefen können.

Vorgehensweise:
- Aufzeichnen eines Spielplanes auf ein großes Stück Papier: Jede/r zeichnet sich ein "Nest", einen Ausgangspunkt, bekommt eine beliebige Spielfigur und bewegt sich per Würfel über den Spielplan. Dort, wo man anlangt (nach dem Würfeln einer beliebigen Zahl, wird ein "Ereignisfeld" eingetragen. Die Bezeichnung dieses Feldes richtet sich nach dem, was man aus seiner Kindheit erzählen möchte ("mein erster Schultag", "Streit mit der Mutter", "ein schockierendes Erlebnis"). Die anderen SpielerInnen, die nach weiterem Würfeln auf dieses Feld geraten, sollen ebenfalls etwas zu diesem Thema aus ihrer Erinnerung erzählen. Sie können sich extra einen Weg zu den Feldern bahnen, wenn ihr Erzählbedürfnis sehr stark ist.

Variationsmöglichkeiten:
- Die "Ereignisfelder" können mit mitgebrachten Fotos und anderen Accessoires illustriert werden.
- Fotos, Poesiealben, Sammelbilder, auch bestimmte Lieder oder Filme stimulieren die Erinnerung und können gut als Erzählanreiz dienen.
- Die Themen der Ereignisfelder können von den SpielerInnen selbst benannt oder vorgegeben sein (als Ereigniskarten, die man ziehen muß oder in Form von Eintragungen auf dem Spielplan).
- Die Wege können vorgezeichnet sein oder während des Spiels selbst entstehen.
- Sie können beliebige Stationen eines Lebens kennzeichnen oder als "Lebenslaufspiel" (für jedes Jahr ein Feld) angelegt sein.
- Es kann um's Erzählen gehen oder auch um die Erfüllung von Aufgaben (Pantomime, singen).

Auswertungsmöglichkeiten:
- Inhalte möglichst protokollieren oder im Anschluß anhand der Stimuli rekonstruieren.
- Kinder erinnern sich noch nicht so gern, sind insgesamt auch nicht so erzählfreudig.
- Stimuli können situationsgebundene Deutungen und Bedeutungen (von Mediennutzung, aber auch Freundschaften, Beziehungen zu Tieren) hervorrufen.

Mögliche Folgeaktionen:
- Weitere Spiele, Austauschen von Erinnerungen.
- Erwachsene können sich mithilfe von Stimuli an ihre emotionale Gestimmtheit in Situationen zurückerinnern.
- Das kann neben dem Kennenlernen auch der Hypothesenbildung zur Einschätzung von "Kindheit heute" dienen.

Bemerkungen, Besonderheiten:
- Der Mythos "Kindheit" als Grundlage der Beurteilung von Kindheit heute kann auf diese Weise sichtbar gemacht und bearbeitet werden.


j) Narrative Interviews

Ziele:
- Biografische Zusammenhänge zu einem bestimmten Thema, zu bestimmten Fragestellungen zu erschließen. Will man beispielsweise erfahren, wie ein Kind bestimmte Medienereignisse (Horrorfilme) verarbeitet, kann man mithilfe eines narrativen Interviews eine sogenannte Medienbiografie erstellen.

Vorgehensweise:
- Es wird ein Erzählsti­mulus gegeben: Erzähl doch mal, wie es war, als du den Film "der weiße Hai" gesehen hast.
- Je nach Thema verlaufen die Gespräche unterschiedlich. Es gibt kein fertiges Erzählschema, der Redefluß ist von Assoziationen bestimmt, bei Kindern noch stärker als bei Erwachsenen.
- Es genügt auch nicht, die Interviewten nach dem individuellen Stellenwert oder der subjektiven Interpretation des interessierenden Gegenstandes zu fragen.
- Die PädagogInnen sollten auf ein gewisses Vorwissen bezüglich der biografischen Entwicklung ihres Gegenübers zurückgreifen können und sich zum Beispiel in den für die betreffende Generation relevanten Medienwelten auskennen, um die jeweils angesprochenen Assoziationsketten neu beleben zu können. Hilfreich sind eingestreute Stichworte über besondere Szenen und Charaktere und/oder deren besondere Attribute, über Titel und Stars eines Films, Melodien (sogenannte Ohrwürmer), über Informationen und Vorstellungen von Wirklichkeiten, die nicht unmittelbar erfahrbar sind, auch über Normvorstellungen (wie man sich als Junge oder Mädchen zu verhalten hat).
- Es ist hilfreich, die Kinder auf konkret anschauliche Alltagsvollzüge oder Situationen hin zu befragen - weil Erfahrungen immer in Situationen gemacht werden.
- Selbstverständlich ist, daß solche Interviews auf Band mitgeschnitten werden müssen.

Variationsmöglichkeiten:
- ergeben sich bezüglich der Erzählstimuli. In bezug auf Medienbiografien kann man bekannte Bilder, Musik, Filmsequenzen, gemeinsam erlebte Situationen als Erzählanlaß wählen. Medienbiografien sind hier aber nur als Beispiel angeführt: natürlich eignen sich narrative Interviews auch für jedes andere Thema.

Auswertungsmöglichkeiten:
- Bei solchen Interviews fallen umfangreiche Textmengen an, deren genaue Verschriftung unabdingbar ist. Hilfen zur Komprimierung (Paraphrasierung) und Interpretation umfänglicher Texte gibt etwa Mayring (1985) mit seinen Ablaufmodellen zusammenfassender und strukturierende Inhaltsanalyse. Ebenfalls hilfreich ist der Text von Südmersen (1983) zur Auswertung narrativer Interviews.

Mögliche Folgeaktionen:
- Anerkennung der Interpretation durch die Befragten einholen.
- Das Durchgehen des Interviews und der Interpretation kann eine neue pädagogische Phase einleiten.

Bemerkungen, Besonderheiten:
- Interviews jeglicher Art müssen gelernt und geübt werden.
- Es ist wichtig, am eigenen Leibe Erfahrungen zu machen, um die Bedeutung von Blickkontakt, Körperhaltung, Sitzordnung, also der nonverbalen Aktionen zu begreifen.
- Wichtig ist auch die Ermutigung, das Inganghalten des Erzählflusses, das Setzen von Erzählstimuli, das Vermeiden langer, peinlich wirkender Pausen, aber auch das sensible Stoppen langschweifiger Erzählungen.
- Die InterviewerInnen müssen wissen, wie sie selbst bei "schwierigen" Fragen reagieren, also bei Fragen, die sie als Kind auch nicht gern gehabt hätten.
- Es ist möglich, daß Kinder nicht besonders erzählfreudig sind.


k) Soziales Atom

Ziele:
- Erkundung der Beziehung eines einzelnen Kindes zu seinen wichtigsten Bezugspersonen, seinem "sozialen Atom".
- Momentaufnahme der Beziehungen vom heutigen Standpunkt aus.

Vorgehensweise:
- Aufforderung, zu überlegen, zu wem (Menschen, Tiere, Gegenstände) die Befragten eine wichtige Beziehung haben (auch zu Abwesenden oder Toten).
- Auch schlechte Beziehungen sind wichtig,
- PädagogIn schreibt alle Namen auf und fragt nach der Vollständigkeit der Aufzählung.
- Die Kinder bekommen einen Diagramm-Bogen mit drei ineinanderliegenden Kreisen, die "Landkarte ihrer zwischenmenschlichen Beziehungen" und verschieden große Holzscheiben.
- Sie sollen nun die Holzscheiben in den drei Zonen anordnen (große Scheiben für eher sympathische Personen, kleine Scheiben für weniger anziehende, mittlere für indifferente Gefühle).
- In den Mittelpunkt soll sich das Kind selbst plazieren. In die Kernzone kommen die Scheiben, zu denen starke gefühlsmäßige Beziehungen und häufiger Kontakt bestehen; in die mittlere Zone die Personen, zu denen weniger enge Beziehungen bestehen, unabhängig von der Häufigkeit des Kontakts; in die Randzone werden diejenigen angeordnet, zu denen kaum oder weniger Kontakt besteht.

Variationsmöglichkeiten:
- Räumliche Anordnung analog der ökologischen Zonen nach Baacke (1980) treffen (Zentrum, Nahraum, ökologische Ausschnitte, ökologische Peripherie).
- Statt Holzscheiben verschieden große Geldstücke oder (russische) Puppen oder ganz andere Gegenstände nehmen.

Auswertungsmöglichkeiten:
- Die Auswertung erfolgt gemeinsam mit dem Kind. Nach der Einordnung können sich Gespräche über die Beziehung der benannten Personen untereinander ergeben.
- Nachdenken über Veränderungswünsche in den Beziehungen sein. Wem möchte man näherkommen, zu wem wünscht man sich Abstand?
- Änderungswünsche können mit + oder - gekennzeichnet werden.
- Eventuell auch Neuordnung der Konstruktion auf dem Diagramm, ohne die ursprüngliche Konstellation zu verwischen.
- Besondere Bemerkungen zu den Personen kann man ebenfalls eintragen.

Mögliche Folgeaktionen:
- Einleitung konkreter Schritte zur Änderung der Beziehungen.

Bemerkungen, Besonderheiten:
- Es könnte Schwierigkeiten mit der emotionalen Differenzierung der Menschen geben. Die Frage, wer dem Kind näher steht, kann mit dem Hinweis auf den Charakter der Momentaufnahme erleichtert werden.
- Die Nähe zu therapeutischen Vorgehensweisen muß beachtet werden.


l) Soziogramm

Ziele:
- Erkundung der Beziehungen einer Gruppe von Kindern zu einem bestimmten Zeitpunkt.

Vorgehensweise:
- Mitglieder der Gruppe werden gefragt, mit welchen beiden anderen Gruppenmitgliedern sie eine bestimmte Aktion gerne durchführen würden und mit welchen beiden Gruppenmitgliedern sie dies nicht möchten.

Variationsmöglichkeiten:
- Nur die positiven Wahlen herausfordern, nur ein Mitglied wählen lassen.
- Die konkreten Anlässen können variiert werden.
- Die Nähe oder Distanz der Gruppenmitglieder durch Zueinanderstellen von jeweils einem Schuh jedes Gruppenmitgliedes herausarbeiten.

Auswertungsmöglichkeiten:
- Darstellung der Wahlen als N-etzdiagramm mit Ausweis von einseitigen oder gegenseitigen Wahlen durch Pfeile. (Je größer die Gruppe umso schwieriger die Herstellung des Diagramms. Oft sind mehrere Anläufe nötig.)
- Die Ergebnisse sollten mit der Gruppe besprochen werden.
- Man sollte den Charakter der Momentaufnahme betonen und Möglichkeiten der Veränderung besprechen.

Mögliche Folgeaktionen:
- Gespräche über Freundschaft und Beziehungen.

Bemerkungen, Besonderheiten:
- Bei deutlichen Außenseiterpositionen die eventuell entstehenden Kränkungen bedenken und bearbeiten.


m) Zukunftswerkstatt

Ziele:
- Kindern ein direktes Mitspracherecht bezüglich der Gestaltung ihrer Zukunft einräumen und ihr innovatives Potential entfachen. Ansprache auf ihre Erfahrungen und Bedürfnisse, um ihre Ideen und Vorschläge, ihren Einfallsreichtum zu fördern.
- Zukunftswerkstatt als "soziales Versuchslabor" für den Entwurf von alternativen Zukünften.

Vorgehensweise:
- Eine Zukunftswerkstatt läuft in drei Phasen ab: In der Kritikphase wird die Spannweite des Unbehagens, der Kritik, der Vorbehalte, der Ängste ergründet, also eine kritische Bestandsaufnahme der Gegenwart geleistet; in der Phantasiephase wird dann das eingekreiste und definierte Problem positiv gewendet und ohne Vorbehalte und Einschränkungen "gelöst". Es werden positive, wünschbare Auswege erfunden und Phantasien und Visionen entwickelt, ohne schon über realistische Beschränkungen nachdenken zu müssen; in der Verwirklichungsphase werden die so gefundenen Lösungen und Entwürfe auf ihre Durchsetzbarkeit überprüft und erste praktische Schritte geplant.
- Alle Äußerungen werden ständig für alle sichtbar in Form von Wandzeitungen protokolliert (Jungk, Müllert 1981).

Variationsmöglichkeiten:
- Für Kinder und auch Jugendliche ist die einfache Schreibform manchmal zu langweilig. Sie kann mit Zeichnungen, Rollenspielen oder auch dem Bau "alternativer" Straßen, Spielplätze und Parkplätze abgewandelt werden.
- Sinnvoll ist in diesem Falle auch eine Rahmengeschichte, ein Stimulus: "Wir versetzen uns ins Jahr 2010 und schauen zurück".
- "Was sendet der erste und einzige Fernsehkanal am 1.5.1999 für Kinder?"
- "Was haben die Beschlüsse des Kinderparlaments in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts bewirkt?"
- "Wie hat sich die Einführung des Überallspielplatzes bewährt?"

Auswertungsmöglichkeiten:
- Anregen der Kinder zum Mitplanen und Nachdenken.
- Anregungen in der pädagogischen Arbeit und der Jugendhilfeplanung weiterverfolgen.

Mögliche Folgeaktionen:
- Aktionen (Kinderparlament, Go-In zum Jugendhilfeausschuß, Besuch der/des BürgermeisterIn) Ausstellungen der Ergebnisse.
- In Abwandlung verschiedener Verfahren der Bürgerbeteiligung für Erwachsene, etwa der "Planungszelle" (Dienel 1990) könnte man mit Kindergruppen auch Gutachten über die "Kinderfreundlichkeit" oder "Kindernützlichkeit" von Straßen, Plätzen anfertigen.
- Attribute: Lupe, Stempel, Schreibzeug, Fotoapparat.

Bemerkungen, Besonderheiten:
- Die Zukunftswerkstatt wurde für Erwachsenen im Rahmen der "Friedenspädagogik" entwickelt; mit aktionsreichen Variationen läßt sie sich auf die Arbeit mit Kindern übertragen.


n) Rollenspiel

Ziele:
- "Handeln statt darüber reden".
- Ausschnitte aus der Realität von Kindern erfassen, ihre Denk- und Handlungsweisen erkunden.
- Konkrete Bedürfnisse thematisieren.

Vorgehensweise:
- Kinder führen absichtlich und zu einem bestimmten Thema vor ZuschauerInnen eine bestimmte Handlungssequenz aus, die zu dem Zeitpunkt "als-ob"-Charakter hat (Sader 1986).
- Requisiten, Verkleidungen und Masken können hilfreich sein (besonders zur Einstimmung). Aber auch einfache Andeutungen genügen vielfach, wenn das Rollenspiel etwa als Anspiel für weitere Diskussionen benutzt werden soll.

Variationsmöglichkeiten:
- Puppenrollenspiel (die Puppen können aus einfachstem Material, selbstgefertigt oder lebensgroß sein), um die Übernahme einer fremden Perspektive zu erleichtern.
- Zukunftsprobe: Rollenspiel in dem in der Zukunft liegende Vorstellungen, Ängste, Wünsche, Phantasien gespielt werden. "als ob" sie real wären.

Auswertungsmöglichkeiten:
- Es sollte immer eine Auswertung direkt nach dem Spiel erfolgen, in der auf das Erleben in den einzelnen Rollen eingegangem wird und zunächst die SpielerInnen zur Sprache kommen. Dann erst sollten die ZuschauerInnen zu Wort kommen.
- Vertiefte Auswertungsmöglichkeit durch Videomitschnitt oder Tonbandprotokoll.
- Die Auswertung kann mehr prozeß- oder mehr ergebnisorientiert sein.

Mögliche Folgeaktionen:
- Wenn sich bestimmte Verhaltensweisen einem bestimmten Zweck als abträglich erweisen, können im Rollenspiel neue erprobt werden.
- Die spontanen Stegreifrollenspiele können in der Gruppe bearbeitet und zu ausgefeilten Spielen mit gezielten Wirkungen ausgearbeitet werden
- etwa um Öffentlichkeitsarbeit zu machen und/oder Problembewußtsein zu schaffen.

Bemerkungen, Besonderheiten:
- Rollenspieltechniken sind von unglaublicher Vielfalt und lassen sich mit vielen anderen Methoden sinnvoll kombinieren.

 

Hiltrud von Spiegel: Offene Arbeit mit Kindern - (k)ein Kinderspiel

 

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