ABA Fachverband
Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V.

Der Verband für
handlungsorientierte Pädagogik 

 
 
 
 
     
       

Interessenvertretungen für Fachkräfte

MitarbeiterInnen in der Offenen Arbeit mit Kindern haben auch eigene Interessen, die mit der Gestaltung ihres Arbeitsplatzes zu tun haben - und die teilweise auch in einen Gegensatz zu den Interessen von Kindern geraten können (vergleiche Kapitel 12). In Zeiten, wo Personal abgebaut wird, wo Träger darüber nachdenken, fest eingestelltes Personal durch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) zu ersetzen, wo nicht ausgebildete MitarbeiterInnen eingestellt werden, weil sie "billiger" sind als fachlich ausgebildete, wo darauf gesetzt wird, daß pädagogische Arbeit von Ehrenamtlichen übernommen wird, die zwar fachlich ausgebildet, aber arbeitslos sind (und hoffen, auf diese Weise irgendwann eine bezahlte Arbeit zu erhalten), sollten sie dafür sorgen, daß ihre eigenen Interessen nicht in den Hintergrund geraten. Sie haben dazu verschiedene Möglichkeiten, die leider von Mitgliedern Sozialer Berufe vergleichsweise selten genutzt werden. Es scheint, als reiche es ihnen, sich für die Belange ihrer "KlientInnen" einzusetzen.

Wir stellen in diesem Kapitel vier Möglichkeiten der Interessenvertretung für Fachkräfte der Sozialen Arbeit vor (eine besondere Empfehlung für MitarbeiterInnen aus der Offenen Arbeit mit Kindern können wir nicht geben): Der direkte Weg bei Schwierigkeiten im Arbeitsfeld führt in der Regel zum Personalrat. Daneben gibt es in vielen Stadt- und Kreisverwaltungen Frauenbeauftragte, die sich mit den besonderen Bedürfnissen von Frauen am Arbeitsplatz und darüber hinaus beschäftigen. Überbetrieblich können sich Fachkräfte der Offenen Arbeit mit Kindern in Berufsverbänden organisieren, die sich um die Interessen der Angehörigen Sozialer Berufe kümmern und daher die besonderen Belange dieser Berufsgruppe gut kennen. Wer die Berufsverbände für zu "provinziell" oder zu "unpolitisch" hält, kann einer Gewerkschaft (innerhalb oder außerhalb der Deutschen Gewerkschaftsbundes) beitreten.

● In allen Dienststellen mit mehr als fünf Beschäftigten muß nach den Vorschriften des jeweils geltenden Personalvertretungsgesetzes (PersVG) ein Personalrat gewählt werden. Er ist für alle Personalangelegenheiten einer Verwaltung oder Einrichtung zuständig und hat Mitbestimmungspflichten bei Einstellungen, Beförderungen, Versetzungen in den vorzeitigen Ruhestand, in sozialen Angelegenheiten und bezüglich gesetzlich oder tariflich nicht geregelten Arbeitsrahmenbedingungen, wie tägliche Arbeitszeiten und Pausen (§ 68 BPersVG; vergleiche auch Lorenzen, Haas, Schmitt 1994; Dengler, 1985, 63 f.). Er setzt sich für den Gesundheits- und den Arbeitsschutz ein und wacht über die Einhaltung der Tarifverträge, Gesetze und Vereinbarungen, die für die ArbeitnehmerInnen gelten. Der Personalrat soll die Beschäftigten gegenüber den Dienststellenleitungen unterstützen, sich für die Integration von behinderten KollegInnen einsetzen und gegen Rassismus und jegliche Form der Diskriminierung wirken. Die Personalräte arbeiten in der Regel mit den Frauenbeauftragten zusammen, insbesondere bei Stellenneubesetzungen.  

● In den achtziger Jahren haben Frauen durchgesetzt, daß Stellen geschaffen wurden, die sich für die besonderen Belange von Frauen in den Städten und Gemeinden einsetzen. Kommunale Frauenbeauftragte sollen Gleichstellungsdefizite bearbeiten und engagieren sich in vielen Bereichen (Zusammenstellung von Beratungsangeboten für Frauen, Frauenparkplätze, Frauentaxen, Unterstützung von Fraueninitiativen, Hilfe bei Diskriminierung und Belästigung am Arbeitsplatz). Die Frauenbeauftragten arbeiten je nach Größe der Kommune oder des Landkreises hauptamtlich, nebenamtlich oder ehrenamtlich. Die Lobbyarbeit für Frauen ist schwierig, weil ein Eintreten für Fraueninteressen oft zwangsläufig die Interessen von Männern tangiert. Die Rechtsstellung der Frauenbeauftragten ist in den Gemeindeordnungen der Länder nicht festgeschrieben, daher gibt es verschiedene Organisationsmodelle. Die Bundesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbüros empfiehlt, eine Stabsstelle neben der Verwaltungsspitze anzusiedeln, da die Frauenbeauftragte hier ressortübergreifend handeln kann.

● Berufsverbände arbeiten für die berufsständischen Interessen ihrer Mitglieder. Bezogen auf Soziale Berufe hat es in der Vergangenheit viele kleine und große Verbände gegeben, die zeitweise zusammenarbeiteten und sich auch wieder trennten. Der für unsere Berufsgruppe maßgebliche Berufsverband ist der Deutsche Berufsverband der Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Heilpädagogen - Vereinigte Vertretung sozialpädagogischer Berufe e.V. (DBSH). Er existiert seit 1993 in dieser Form und versteht sich als "Gewerkschaft" (ohne dem Deutschen Gewerkschaftsbund angeschlossen zu sein). Er verfolgt gesellschaftspolitische Ziele (Erhaltung der Umwelt, soziale Gerechtigkeit), professionelle Ziele (Erschließung persönlicher und staatlicher Ressourcen zur Verbesserung der Qualität der Sozialen Arbeit) sowie berufspolitische Ziele (Aushandlungen angemessener Lohntarife). Die Palette der Tätigkeiten des DBSH geht also über die rein "gewerkschaftliche" Tätigkeit hinaus. Der Berufsverband will politisch und parteilich im Sozialen Bereich arbeiten und zum Beispiel berufliche Ansprüche wie das Zeugnisverweigerungsrecht erkämpfen. Der DBSH ist in Landes- und Bezirksverbände gegliedert und man kann in regionalen Fachgruppen und Fachausschüssen mitarbeiten. Zu den Leistungen des Berufsverbandes gehört unter anderem die Beratung und Unterstützung bei Arbeitsrechtsstreitigkeiten (Kostenübernahme, Seminarangebote zum Arbeitsrecht) und er gibt die Zeitschrift "Sozial" heraus.

● Bekannter sind die verschiedenen Gewerkschaften. Sie verstehen sich als politische Interessenvertretungen für abhängig Beschäftigte und arbeiten auf betrieblicher und überbetrieblicher Ebene. Ihnen wird eher zugetraut, die Interessen von ArbeitnehmerInnen zu vertreten, da sie mitgliederstark sind und aufgrund ihrer finanziellen Rücklagen gewährleisten, daß Arbeitskämpfe ausgetragen werden können. Die Gewerkschaften wollen eine Ausbeutung der ArbeitnehmerInnen durch die Betriebe verhindern. Sie setzen sich für eine angemessene Entlohnung und den Gesundheitsschutz ihrer Mitglieder ein und arbeiten an der Verbesserung der Arbeitsbedingungen und der Mitbestimmungsrechte. Sie werden hauptsächlich durch die turnusmäßigen überbetrieblichen Tarifverhandlungen bekannt. Gewerkschaften setzen sich aber auch gesellschaftspolitisch für mehr Gestaltungsmöglichkeiten aller BürgerInnen bezüglich des wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Lebens ein. Sie bieten ihren Mitgliedern unter anderem einen kostenlosen Rechtsschutz, Rechtsberatung und Rechtsvertretung, Unterstützung bei Streik und Aussperrung, teilweise auch Unfallversicherungen, Rentnerbeihilfen und Notstandsbeihilfen (vergleiche die Satzungen der jeweiligen Gewerkschaften). Es gibt Einzelgewerkschaften und solche, die sich im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) zusammengeschlossen haben. Der DGB verkörpert das Prinzip der (konfessions-, schicht- und parteiübergreifenden) Einheitsgewerkschaft. Er versteht sich als Dachorganisation von 16 politisch und finanziell autonomen Einzelgewerkschaften, die wiederum die Angehörigen verschiedener Wirtschaftsbereiche organisieren. Angehörige Sozialer Berufe organisieren sich in folgenden Einzelgewerkschaften:

● Die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) ist Mitglied des DGB und vertritt laut Satzung soziale, kulturelle, wirtschaftliche und berufliche Belange ihrer Mitglieder. Sie organisiert ArbeitnehmerInnen, die ihrer Ausbildung oder Beschäftigung nach gemäß des Bundesangestelltentarifvertrages (oder in Anlehnung an diesen) bezahlt werden, beziehungsweise würden. Informationsorgan ist das ÖTV-Magazin.

● Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist ebenfalls Mitglied des DGB und organisiert hauptsächlich die Berufsgruppe der LehrerInnen und ErzieherInnen. Im Unterschied zur ÖTV schließt sie keine Tarifverträge ab.

● Nicht Mitglied des DGB ist die Deutsche Angestellten Gewerkschaft (DAG). Sie hat hauptsächlich die Gruppe der Angestellten und BeamtInnen im Blick und bietet für diese im Prinzip die gleichen Leistungen wie die DGB-Gewerkschaften. Die DAG ist wie die ÖTV an den Tarifauseinandersetzungen beteiligt; im Unterschied zu den beiden DGB-Gewerkschaften hat sie keinen speziellen Bezug zu den fachlichen Belangen der Sozialen Berufe.

● Neu (seit 1990) ist die Interessengewerkschaft Soziales und Gesundheit. Sie will stärker als die anderen Gewerkschaften die Berufsgruppen im sozialen und gesundheitlichen Dienstleistungsbereich vertreten und die gewerkschaftliche Arbeit (Tarifpolitik, berufspolitische Arbeit, Fortbildungen) ist in Fachgruppen (zum Beispiel Sozialarbeit/Sozialpädagogik oder Pflege) aufgeteilt. Die Zeitschrift dieser Gewerkschaft heißt "Fazit".


Folgerungen für die pädagogische Praxis

Welche der Organisationsformen - ob Gewerkschaft oder Berufsverband für MitarbeiterInnen der Offenen Arbeit mit Kindern zu empfehlen ist, ist nicht generell zu sagen. Die Gewerkschaften sind sicher durchsetzungsfähiger und "mächtiger", wenn es um Tarifauseinandersetungen geht, dafür kommen Auseinandersetzungen um das Berufsbild der Sozialen Berufe und Anliegen, die speziell für diese Berufsgruppe wichtig sind, leicht zu kurz (zumindest bei den "großen" Gewerkschaften). Angesichts der großen Masse der ArbeitnehmerInnen, die beispielsweise im Öffentlichen Dienst beschäftigt sind und angesichts des generell geringen Organisationsgrades der Angehörigen sozialer Berufe ist das auch kein Wunder.

Es bleibt abzuwarten, wie sich der Berufsverband (DBSH) in Zukunft entwickelt und inwieweit er über die Tarifpolitik hinaus auch andere berufspolitische Interessen unserer Berufsgruppe wahrnimmt. In anderen Ländern (zum Beispiel den USA) haben starke Berufsverbände wesentlich zum besseren Ansehen und zur Professionalisierung der Sozialen Arbeit beigetragen. Es lohnt sich also allemal, sich ausführlich über Programme und Satzungen beider Organisationsformen zu informieren:

● Satzungen der Gewerkschaften erhält man bei den örtlichen Geschäftsstellen der Gewerkschaften.

● Die Adresse der neuen Gewerkschaft ist: IG Soziales & Gesundheit, Fachgruppe Sozialarbeit/Sozialpädagogik, Stefan Goller-Martin, Unsterstocken 6, 88368 Bergatreute.

● Der Deutsche Berufsverband der SozialarbeiterInnen und HeilpädagogInnen (DBSH) hat seinen Sitz in 45127 Essen, Friedrich-Ebert-Str. 30.


Weiterführende Literatur

● Lorenzen, Uwe; Haas, Manfred; Schmitt, Lothar: Bundespersonalvertretungsgesetz. Kommentar. Loseblattsammlung - wird laufend aktualisiert.

● Dengler, Klaus: Landespersonalgesetz Nordrhein-Westfalen. Erläuterte Textausgabe. München und Münster 1985

● Krasemann, Klaus: Das Eingruppierungsrecht des Bundesangestelltentarifvertrages (BAT). ÖTV Verlag Stuttgart - wird laufend aktualisiert

● Krasemann, Klaus: Die Tätigkeitsmerkmale des Bundesangestelltentarifvertrages (BAT). Ausgabe Bund - Länder. ÖTV Verlag Stuttgart - wird laufend aktualisiert

● Bock-Rosenthal, Erika (Hrsg.): Frauenförderung in der Praxis. Frankfurt 1990

● Deutscher Berufsverband der Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Heilpädagogen (DBSH): SOZIAL Heft 1/91 Sonderausgabe

 

Hiltrud von Spiegel: Offene Arbeit mit Kindern - (k)ein Kinderspiel

 

Nachbemerkung der NAGEL-Redaktion

Bezüglich der Angaben auf dieser Seite hat es einige Veränderungen gegeben,

z.B.

ist die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) wie die Deutsche Angestelltengewerkschaft DAG mit weiteren Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes in der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di aufgegangen. Die ver.di ist Mitglied des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB)

und

die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), ebenfalls DGB-Gewerkschaft, ist inzwischen an der Aushandlung von Tarifverträgen beteiligt.

 

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