ABA Fachverband
Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V.

Der Verband für
handlungsorientierte Pädagogik 

 
 
 
 
     
       

Räumliche Rahmenbedingungen

Eine Reihe neuerer Arbeiten zum Sozialisationsfeld Großstadt belegt, daß Kindern (und Jugendlichen) Räume fehlen, die sie nicht nur "erleben", sondern die sie "leben" können, wie man mit Martha und Heinrich Muchow (1977) sagen könnte. Sie meinten damit Straßen, Ecken, Plätze, also von Erwachsenen gestaltete Räume, die Kinder besetzen, sich aneignen und die sie mit eigenen Bedeutungen belegen. Sie brauchen Räume, die sie symbolisch oder auch tatsächlich "markieren" und damit als unverwechselbar eigene wiedererkennen können. Die Fachdiskussion um die sogenannte territoriale Dimension der Kinder- und Jugendarbeit (vergleiche etwa Friedrich u.a. 1984; Harms u.a. 1985; Deinet 1987, 1992) zeigt, daß Inhalte und Ergebnisse der Offenen Arbeit mit Kindern nicht nur von dem Engagement und den Fähigkeiten der Fachkräfte abhängen, sondern auch von strukturellen Vorgaben beeinflußt werden, die vielen PädagogInnen in dieser Brisanz gar nicht bewußt sind. Wesentliche Einflußfaktoren für die Zahl und die soziale Zusammensetzung der BesucherInnen sind die Lage der Einrichtungen in einem Stadtteil, ihre Architektur und auch das Gelände um die Häuser herum:

Aufschlußreich ist oft schon die Lage von Kinder- und Jugendzentren oder Abenteuerspielplätzen. Meist werden solche Einrichtungen ja nicht von vornherein zusammen mit der Wohnbebauung eines Stadtteils geplant, sondern man muß sehen, wo "Platz" ist. Abenteuerspielplätze sind auf großes verfügbares Gelände angewiesen, das "billig" ist und nicht für (gewerbe-)steuerlich lukrativere Zwecke genutzt werden kann. Sie liegen meist an der Peripherie eines Stadtteils, "eingeklemmt" zwischen Autobahnen, Autobahnzubringern, Straßen- oder Eisenbahnen oder in Gleisdreiecken, wo die Lärmbelästigung schier unerträglich ist. Auch die Kinder- und Jugendhäuser liegen nicht immer zentral. Das hängt neben der Konkurrenz um gewinnträchtig nutzbare Flächen in den Innenstädten auch mit den nachbarschaftlichen Verhältnissen zusammen. Kinderfreundlich geben sich zwar die meisten Menschen, aber Kinderspiel und Kinderlärm möchten sie in der Nähe der eigenen Wohnung nicht ertragen.

Oft können die Kinder die Plätze nur mit dem Fahrrad erreichen und müssen dazu gefährliche Straßen benutzen und/oder überqueren. Erfahrungswerte besagen aber, daß der Aktionsradius von Kindern im Schulalter und damit das "Einzugsgebiet" der Einrichtungen Offener Arbeit mit Kindern oft recht klein ist. Sie bewegen sich zu Fuß oder mit dem Rad etwa in einem Umkreis von 500 - 1000 Metern um die eigene Wohnung herum. Ist ein Spielort besonders attraktiv, legen sie auch schon einmal 2 Kilometer zurück. Dabei ist der Aktionsradius von Jungen durchschnittlich größer als der von Mädchen (vergleiche dazu die Ergebnisse von Muchow/Muchow 1977 und auch Harms u.a. 1985). Die geringe Mobilität von Kindern erklärt, warum Kinderhäuser und Abenteuerspielplätze überwiegend von den Kindern genutzt werden, die in der Nähe wohnen (vergleiche dazu auch Peters u.a. 1984). Lediglich bei eher spezialisierten Angeboten, wie zum Beispiel Jugendfarmen oder Kinderbauernhöfen sind Eltern auch bereit, ihre Kinder dorthin zu fahren. Einige sehr abgelegene Einrichtungen haben daher Fahrdienste eingerichtet.

In fast allen Kinder- und Jugendhäusern sind die Räume ähnlich angeordnet (Puhl 1982). Im sogenannten Offenen Bereich, der meist wie eine Gaststätte wirkt, dominieren Kicker, Billard und Tischtennisplatte, womit auch gleich festgelegt ist, was die Kinder dort tun (können). Daneben gibt es (verschlossene) Funktionsräume. Auch deren Ausstattung mit Mobiliar und Geräten legt fest, was dort (nicht) stattfinden kann. Ergänzend verfügen die Einrichtungen je nach Größe des Hauses über (ebenso verschlossene) Gruppenräume. Alle Räume sollen im Wechsel von mehreren Gruppen genutzt und daher nicht von einer spezifischen Clique "besetzt" werden. Abenteuerspielplätze sind meist aufgeteilt in Produktionszonen (Baugelände, Matschplatz, Garten). Oft dienen Container als (viel zu kleine) Spielhäuser, die notgedrungen multifunktional genutzt werden müssen, was ebenso wenig Möglichkeiten für eine individuelle Nutzung oder gar individuelle Gestaltung zuläßt.

Die Gestaltungselemente im Kinderbereich sind meist denkbar schlicht. Sichtbeton oder angestrichene Backsteinwände - oder eben "Containerhäuser" mit zweckmäßigen, meist schon ramponierten Möbeln beherrschen das Bild. Manchmal sind die Wände von Kindern bemalt. Neuerdings findet sich auch modernes, unterkühlt wirkendes "Styling" - dann allerdings ohne Kinderbilder. Den meisten Menschen ist die Einrichtung ihrer Wohnräume sehr wichtig und die Vorstellungen über "Gemütlichkeit" und "Atmosphäre" unterscheiden sich sehr. Wenn man berücksichtigt, daß Menschen auf Spuren, wiedererkennbare Markierungen angewiesen sind, wenn sie sich Räume aneignen wollen, dann ist vielleicht nachvollziehbar, daß sie hier auf Hindernisse stoßen. Die Raumplanung von Kinder- und Jugendhäusern läßt vermuten, daß eine Aneignung gar nicht vorgesehen ist. Lessing hat am Beispiel der Konzeption und Planung für ein Jugendfreizeitheim in einem Sanierungsgebiet gezeigt, wie mit Hilfe von räumlicher Planung und inhaltlicher Gestaltung Jugendliche der unteren Schichten ausgegrenzt werden können, und was sie dort "lernen". Er schreibt: "Offene Bereiche, Funktionen, die nicht in besonderer Weise überwacht und verregelt sind, stehen an letzter Stelle der Prioritätenliste" (Lessing 1984, 220). Bei der Errichtung von Kinder- und Jugendhäusern geht es um Raumschaffung für pädagogisch bewachte Aktionen, innerhalb derer Jugendliche lediglich Objektfunktionen innehaben. Von selbstbestimmter Aneignung kann hier keine Rede sein (vgl.Lessing 1984).

Abhängig von der meist schon vorgefundenen Architektur arrangieren die Fachkräfte den "pädagogischen Rahmen". Die Rede von einer "Selbstbestimmung" der Kinder kann sich also nur auf das beziehen, was innerhalb dieses gestalteten Bereiches noch möglich ist. Schärfer formuliert: Zutritt zu den meisten Räumen bekommen Kinder erst, wenn sie ihre "Bedürfnisse" auf eines der Angebote abgestimmt haben und die von den PädagogInnen ausgegebenen Regeln akzeptieren. Becker u.a. (1983) bezeichnen denn auch MitarbeiterInnen in den Einrichtungen als "RaumwärterInnen". Es gibt auch zeitliche Einschränkungen der Raumnutzung und manchmal sind die Öffnungszeiten einer Einrichtung nicht mit der real zur Verfügung stehenden Zeit von Kindern abgestimmt. Kinder, deren Eltern berufstätig sind, würden vielleicht gerne gleich nach der Schule ins Kinderhaus gehen dort auch zu Mittag essen. Ältere Kinder (Teenies) wären abends viel lieber länger dort. Diese Altersgruppe "nutzt" auch Abenteuerspielplätze nach dem Dienstschluß der PädagogInnen. An Wochenenden, die für Kinder oft langweilig sind, ist meist ebenfalls geschlossen. Hier kollidieren Regenerationsbedürfnisse von Fachkräften und Vorgaben der Träger (zu wenig Personal) mit den Bedürfnissen von Kindern (vergleiche auch Kapitel 12).

Raumvorgaben können auch geschlechtsspezifisch wirken. Feministische PädagogInnen deckten auf, daß die typischen Kinder- und Jugendhäuser einseitig für die Bedürfnisse von Jungen geplant sind (Schumacher, Trauernicht 1987; Josties, Sutorius 1987; Cramon-Daiber, Eichelkraut 1988). Da Kickern, Flippern und Tischtennisspielen Aktivitäten sind, die die Jungen für sich in Anspruch nehmen, ist der Offene Bereich in diesen Häusern männliches Terrain. Mädchen können sich hinter der Theke oder in der Küche betätigen und die Jungen bedienen. In großen, überschaubaren Räumen fühlen sich Mädchen wie auf dem "Präsentierteller": sie werden von Jungen begutachtet und "angemacht". Abschreckend auf neue Besucherinnen wirken auch Eingangsbereiche die farblich "düster" gestaltet sind, sowie verschlossene Türen, denen Mädchen nicht ansehen können, was sie dahinter erwartet. Mädchen lieben es auch nicht, wenn sie durch enge Passagen ("Nadelöhre" oder "Laufstege") an Jungen vorbeigehen und fürchten müssen bei dieser Gelegenheit "begrapscht" zu werden. Mädchentoiletten sind auch nicht immer abschließbar und/oder können von oben oder außen eingesehen werden. Schumacher und Trauernicht (1987) meinen, daß Mädchen in so gestalteten Räumen nur die Möglichkeit bleibt, sich zu präsentieren und anmachen zu lassen oder zu gehen. Vielleicht sinkt auch darum der durchschnittliche Anteil der jüngeren Mädchen mit zunehmendem Alter von fünfzig Prozent auf ein Drittel oder gar ein Viertel der GesamtbesucherInnenzahl. PädagogInnen, die geschlechtsspezifische räumliche und inhaltliche Bedürfnisse ignorieren oder zumindest nicht konsequent vertreten, tun dazu ein übriges.


Folgerungen für die pädagogische Praxis

Die Überlegungen zur Wirkung von Räumlichkeiten führen zu grundsätzlichen Fragen über die Auswirkungen von Strukturen auf das Handeln und Lernen der Menschen - der PädagogInnen wie der Kinder:

● Es lohnt sich, die Räumlichkeiten der eigenen Einrichtung einmal daraufhin zu bewerten, welche "Lernziele" sie vermitteln. Zwar läßt sich die Lage im Stadtteil meist nicht verändern, die PädagogInnen können aber über bessere Zugangsmöglichkeiten nachdenken. Sie können erkunden, wie Haus oder Abenteuerspielplatz an den öffentlichen Nahverkehr angeschlossen sind, ob es Fahrradwege gibt, auf denen die Kinder gefahrlos alleine herkommen können und gegebenenfalls auf Verbesserung dringen. Manchmal bietet es sich auch an, Fahrdienste für Kinder einzurichten. Eine andere Möglichkeit ist, den Kindern "entgegenzukommen" und einen Teil der Arbeit in den Raum zwischen Einrichtung und Wohnung zu verlagern und dabei die Lieblingsspielorte der Kinder mit einzubeziehen.

● Sinnvoll ist eine Abstimmung der Öffnungszeiten der Einrichtung und mit den Zeitbudgets der Zielgruppe (und gegebenenfalls deren Eltern). Neue Förderrichtlinien der Landesjugendämter und Kommunen (vergleiche Kapitel 10) gestatten vielleicht auch eine flexiblere Handhabung von Arbeits- und damit Öffnungszeiten. Manchmal müssen Fachkräfte diesbezüglich auch Überzeugungsarbeit bei Vorgesetzten leisten, denen vielfach die Kontrollierbarkeit der Arbeitszeit ihrer Untergebenen wichtiger ist als die Qualität der pädagogischen Arbeit.

● Eine Raumanalyse in der Einrichtung kann zeigen, wo Mädchen sich überhaupt aufhalten (und wo eben nicht), was sie dort (nicht) tun, ob es Rückzugsmöglichkeiten und Nischen gibt. Mädchenförderung in der Offenen Arbeit mit Kindern sollte mit einer "Umräumaktion" beginnen: Raumteiler und Sichtschutzelemente unterteilen große Räume; Billard, Kicker und Tischtennisplatte rücken an den Rand oder in separate Räume; "Präsentierteller", "Nadelöhre", "Laufstege" werden abgebaut; ein Mädchenraum bietet zeitweilig Schutz und Rückzugsmöglichkeiten (Schumacher, Trauernicht 1987).

● Die PädagogInnen sollten auch allen anderen Zielgruppen Gestaltungsmöglichkeiten bezogen auf das Mobiliar, die Farben, die Bilder und die Betätigungsmöglichkeiten generell einräumen. Jungen haben andere Vorstellungen als Mädchen, ausländische Kinder andere als deutsche. Eigene Räume, in denen sie sich verorten können, bieten Voraussetzungen für eine Verhaltenssicherheit im Umgang mit anders fühlenden und denkenden Kindern und Erwachsenen. Wer ständig im wahrsten Sinne des Wortes um seinen "Standort" besorgt sein muß, kann wenig Gelassenheit, Phantasie oder Kreativität entwickeln. Auf Abenteuerspielplätzen, die mit sehr engen Spielhäusern ausgestattet sind, bietet es sich an, den Hüttenbau unter dieser Perspektive wieder neu zu fördern. Die neu in die Diskussion geratene Erkenntnis von unterschiedlichen Raum- und Ordnungsbedürfnissen der Geschlechter, Nationalitäten, Schichten und Altersgruppen liefert im übrigen auch Argumente gegen die Einrichtung soziokultureller Zentren. Eltern und AnwohnerInnen regen sich zum Beispiel über das "Chaos" auf Abenteuerspielplätzen auf, weil die dortige Ästhetik und Ordnung nicht ihren Vorstellungen entspricht. Sie würden sich dort eben nicht wohlfühlen. Wenn nun alle Altersgruppen ein Haus benutzen sollen, das für alle da sein soll, dominieren wahrscheinlich die ästhetischen Vorstellungen der Erwachsenen.

Einschränkend halten wir fest, daß die Aufforderung zur Rauminspektion und zur Umgestaltung die "Raumwärter"- und Sicherheitsbedürfnisse von PädagogInnen beeinträchtigen kann. Nicht alles mit einem Blick kontrollieren zu können, Kinder unbeaufsichtigt hinter eigentlich verschlossen zu haltenden Türen zu wissen (was sonst ja nur auf einem Abenteuerspielplatz mit reger Bautätigkeit möglich ist), den eigenen Geschmack zurückzustecken bis hin zur Vorstellung, das Haus nicht mehr "vorzeigen" zu können - das sind schmerzliche Vorstellungen. Wir können uns vorstellen, daß Fachkräfte daher solche Ansinnen auch zurückweisen - mit dem Verweis auf die Unmöglichkeit baulicher Veränderungen oder Schwierigkeiten mit den Verwaltungen. RaumwärterIn zu sein, hat neben der lästigen Aufsichtspflicht auch Vorteile. Der Schlüsselbund verleiht den PädagogInnen nämlich Macht und Selbstsicherheit. Und selbst SpielmobilerInnen verfügen während ihrer Anwesenheit über die Plätze, die sich anfahren und das Material, das sie zu bestimmten Bedingungen ausgeben oder einbehalten können.


Weiterführende Literatur

Anregungen für eine mädchenfreundliche Gestaltung von Häusern der Offenen Tür findet man hauptsächlich bei

● Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales, Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Schumacher, Michaela; Trauernicht, Gitta: Offene Jugendarbeit mit Mädchen in Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 1987

 

Hiltrud von Spiegel: Offene Arbeit mit Kindern - (k)ein Kinderspiel

 

 

 

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