ABA Fachverband
Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V.

Der Verband für
handlungsorientierte Pädagogik 

 
 
 
 
     
       

Sozialisation als gesellschaftliche Aufgabe Offener Arbeit mit Kindern

Offene Arbeit mit Kindern ist wie Offene Jugendarbeit ein Teil der Sozialpolitik des Staates (vergleiche dazu Kapitel 9). Die Sozialpolitik umfaßt ja nicht nur das System der sozialen Sicherung (also Kranken-, Invaliditäts-, Renten- und Arbeitslosenversicherung), sondern ist auch für die Teile der Sozialisation von Kindern und Jugendlichen zuständig, die nicht von den Familien übernommen werden (können).

Sozialisation als relativ "neue" Aufgabe der Sozialpolitik begründet sich daraus, daß sich das Hineinwachsen von Kindern in die Gesellschaft seit Beginn der Industrialisierung zunehmend umfangreicher und schwieriger gestaltete und weitgehend vergesellschaftet werden mußte. Die Erziehungsziele für Kinder wechselten historisch mit den veränderten gesellschaftlichen Anforderungen und in bezug auf erforderliche Arbeitstugenden: alle Kinder wachsen heute in eine hochentwickelte kapitalistische Gesellschaft hinein, die spezifische Fähigkeiten von der Persönlichkeit jedes Einzelnen fordert. Um sich in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen behaupten zu können, müssen die Kinder eine individuelle Ich-Identität entwickeln, die unterschiedliche, teilweise gegensätzliche Anforderungen integrieren kann.

Als Hintergrund gegenwärtiger Sozialisationsaufgaben werden zur Zeit Ulrich Becks Thesen von der "Pluralisierung der Lebenslagen" und der "Individualisierung der Lebensführung" diskutiert (Beck 1986), die im 8. Jugendbericht der Bundesregierung als zentraler Analyserahmen für die gesellschaftliche Situation Anfang der neunziger Jahre angelegt wurden:

● Mit der Rede von der Pluralisierung der Lebenslagen ist gemeint, daß die Strukturen des Lebens von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen sehr verschieden sein können, je nachdem, ob diese in der Stadt oder auf dem Land leben, ob sie männlich oder weiblich sind, ob sie West- oder Ostdeutsche, ÜbersiedlerInnen oder in Deutschland geborene AusländerInnen sind. Die Lebenswelten differieren darüber hinaus je nach der Altersgruppe der man angehört, dem Ausbildungsstandard, den man erworben hat oder auch dem Arbeitsplatz, den man einnimmt. Das bedeutet, daß die alte Differenzierung gesellschaftlicher Schichtung nicht mehr allein an ökonomischen Kategorien wie zum Beispiel dem Beruf (der Eltern) festgemacht werden kann, sondern weitaus vielschichtiger bestimmt und konkretisiert werden muß.

● Die Diagnose Individualisierung der Lebensführung besagt, daß sich Kinder und Jugendliche heute nicht mehr an traditionellen, und damit identitätsstiftenden Lebensformen und Deutungsmustern orientieren können. Sie müssen zwischen verschiedenen Möglichkeiten der Lebensführung wählen. Wie sie das familiale Zusammenleben, die berufliche Arbeit und auch die politische Partizipation gestalten, können sie nicht ein für allemal entscheiden, weil sie vielfachen Einflüssen unterliegen, und weil sie ihre Orientierung im Laufe eines Lebens mehrfach verändern müssen. Die Menschen werden bei der Suche nach Orientierungen für die eigene Lebensführung auf sich selbst zurückgeworfen, und sie müssen ihre Lebens-, Wohn- und Beziehungsformen in einem bisher unbekannten Ausmaß selbst gestalten. Dabei entstehen jedoch auch neue Formen der gesellschaftlichen Standardisierung, die hauptsächlich über den Arbeitsmarkt, den Konsum und die Massenmedien vermittelt werden (Beck 1986).

Diese Entwicklung hat positiv und negativ zu bewertende Konsequenzen, denn die neuen Freiheiten bringen auch neue Zwänge mit sich. Schon jedes Kind, jede/r Jugendliche muß sich selbst orientieren und riskiert dabei Fehlentscheidungen. Diese Situation kann bewirken, daß Kinder und Jugendliche ständig an ihrer subjektiven Lebensgestaltung arbeiten. Es kann passieren, daß sie wenig oder falsche Kriterien für ihre Wünsche und Vorstellungen entwickeln, oder daß sie aus Angst vor Enttäuschungen nur vorläufige oder überhaupt keine Entscheidungen mehr treffen wollen.

Allen Menschen wird zugemutet, sich in diesem Individualisierungsprozeß zu behaupten, auch wenn ihnen möglicherweise die "Voraussetzungen" in Form einer stabilen Ich-Identität fehlen. Denn Subjektivität und Ich-Identität sind keine festen Bestandteile der menschlichen Persönlichkeit. Sie wurden erst im Laufe der historischen Entwicklung notwendig und jedes Kind muß sich auf dem Weg zum Erwachsenwerden diese Dispositionen selbst erarbeiten. Weil sie aber nicht einfach "erlernbar" sind, wie kognitives Wissen oder instrumentelle Kompetenzen, können Kinder beziehungsweise Jugendliche bei dieser Aufgabe auch scheitern.

Hinzu kommt, daß bestimmte grundlegende Lebensbedingungen und Konsumniveaus heute allgemein gelten. Somit haben sich die Grenzen zwischen den sozialen Schichten verwischt, ohne daß die Unterschiede zwischen ihnen aufgehoben wären. Die einzelnen Menschen müssen auch nicht in dem Milieu verbleiben, in das sie hineingeboren wurden. Sie können gesellschaftlich "aufsteigen". Der Preis für diese Mobilität ist, daß sie auch gleichzeitig ständig gegen den sozialen Abstieg kämpfen müssen (Schweizer 1989, 115). Kinder aus höheren sozialen Schichten haben hier eindeutig die besseren Ausgangsbedingungen.

Da Ich-Identität beziehungsweise Subjektivität auch die Grundlage für eine (tendenzielle) Selbstbestimmung und Gleichberechtigung sind, schätzten und förderten die WegbereiterInnen der Offenen Arbeit mit Kindern diese Dispositionen schon in den 70er Jahren. Sie wollten den Arbeiterkindern eine "proletarische" beziehungsweise "sozialistische" Erziehung angedeihen lassen, und konzipierten die Offene Arbeit mit Kindern als "Bereicherung" oder "Korrektur" bestehender Sozialisationsbedingungen oder gar als "Gegensozialisation". Nach einer sozialpolitischen Funktionsanalyse, die Barabas u.a. Mitte der 70er Jahre vornahmen, müssen jedoch die gesellschaftlichen Sozialisationsinstanzen in einer kapitalistischen Gesellschaft auch dafür sorgen, daß sich die emanzipatorischen Tendenzen, die aus einer ausgeprägten Ich-Identität erwachsen können, in Grenzen halten. Barabas u.a. schreiben, daß daher Sozialisation immer auch sozialen Zwang und soziale Kontrolle bedeutet und für die Fälle ihres Scheiterns flankierende Maßnahmen und Einrichtungen vorsieht (repressive Erziehungsmaßnahmen, diverse Heime u.a.).

Offene Arbeit mit Kindern erfüllt also mehrere sozialpolitische Funktionen, die sich überschneiden. Erziehung und Versorgung, Förderung und Selektion, Lernarrangements und Kontrolle sind untrennbar miteinander verwoben. "Sozialisation" ist nicht nur einseitig als "Zurichtung" der Kinder für gesellschaftliche Erfordernisse zu verstehen, sondern sie bringt zugleich Tendenzen zur Veränderung dieser Verhältnisse hervor. In welche Richtung sich die Inhalte von Sozialisation bewegen, ist unter anderem ein Resultat gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse.

Die Institutionen der Offenen Arbeit mit Kindern wurden in den 70er Jahren und auch später den Kommunen abgetrotzt: das war eine historische Errungenschaft. Sie konnten sich etablieren, weil sie im Laufe der gesellschaftlichen Entwicklung als zusätzliche Angebote zur Unterstützung der Sozialisation von Kindern notwendig wurden. Damit veränderten sich ihre Aufgaben und Inhalte: sie wurden in den Dienst der Sozialpolitik genommen und müssen sich um die psychischen und materiellen Auswirkungen struktureller Mängel anderer gesellschaftlicher Bereiche (der Schule, der Familie) kümmern, ohne daß sie auf die Entstehungszusammenhänge dieser Entwicklungen Einfluß nehmen können (Schefold u.a. 1980, 511 f.). Wo ausgebildete PädagogInnen die vormals ehrenamtlich geleistete Initiativenarbeit übernehmen, wird die "sozialpolitische" Komponente der Offenen Arbeit mit Kindern stärker betont. Denn SozialpädagogInnen können die Probleme, die die Kinder "mitbringen", nicht ignorieren. Als "Gegenbewegung" verstehen sich seit einiger Zeit die "KulturpädagogInnen", die dieser "Sozialpädagogisierung" Vorschub leisten wollen (vergleiche Kapitel 2).

Im Kinder- und Jugendhilfegesetz wird entsprechend der fortgeschrittenen gesellschaftlichen Entwicklung ein Selbstverständnis der Jugendhilfe vermittelt, das weniger auf die Unterdrückung abweichenden Verhaltens als auf die Förderung von Ich-Identität von Kindern und Jugendlichen ausgerichtet ist. Das bedeutet aber nicht, daß mit einer anderen wirtschaftlichen Großwetterlage oder anderen politischen Verhältnissen nicht wieder Kontroll- und Eingriffsmaßnahmen in den Vordergrund gerückt werden können. Sozialisation ist "ein gesellschaftliches Instrument zur herrschaftlichen oder demokratischen Sicherung menschlicher Lebens-, Liebes- und Arbeitsfähigkeit, dessen Umfang, Bedeutung und Ausprägung von wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Machtverhältnissen abhängt, unter denen es verwendet wird" (C.W. Müller 1985, 45; Hervorhebung im Original).

Zusammenfassend ist festzuhalten, daß die Sozialisationsaufgaben im Verlauf der historischen Entwicklung immer umfangreicher und komplizierter wurden, was immer mehr Familien, die diese Aufgaben ehemals privat leisteten, überforderte. Die weitgehende Vergesellschaftung der Sozialisation ist also ein historisches Erfordernis. Eine vergesellschaftete Sozialisation bietet überhaupt erst die Grundlage für das Entstehen der Offenen Arbeit mit Kindern (und damit auch für Arbeitsplätze professioneller PädagogInnen). Auch Mütter können in dieser immer noch männerdominierten Gesellschaft nur berufstätig sein, wenn die Erziehung weitgehend vergesellschaftet ist. Über Sozialisation vermitteln die gesellschaftlichen Instanzen Kindern und Jugendlichen Basisqualifikationen für die Behauptung in einer individualisierten und pluralisierten Gesellschaft und kontrollieren sie gleichzeitig.


Folgerungen für die pädagogische Praxis

PädagogInnen sollten nicht schon die Tatsache, daß Offene Arbeit mit Kindern Teil der Sozialpolitik ist und Sozialisationsfunktionen erfüllt, negativ bewerten. Entscheidender ist, ob kontrollierende oder emanzipatorische Tendenzen überwiegen. Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Analysen können sie Kindern Hilfen zur alltäglichen Lebensbewältigung und Hilfen zur Orientierung in der individualisierten und pluralistischen Gesellschaft geben. Sie müssen wissen, daß sie ein Sozialisations-Angebot unter mehreren bereitstellen und nicht alle Kinder erreichen. Sie können den Kindern Gestaltungsräume zur Verfügung stellen, die diese sich aneignen können und in denen sie lernen, sinnvolle Entscheidungen zu treffen.


Weiterführende Literatur

Als "historisches" Dokument zur politischen Funktionsbestimmung sozialpädagogischer Arbeitsfelder sind immer noch die Arbeiten des Autorenkollektivs der Jahrbücher für Sozialarbeit (1976 und 1978) zu empfehlen:

● Barabas, Friedrich; Blanke, Thomas; Sachße, Christoph; Stascheit, Ulrich: Zur Theorie der Sozialarbeit: Sozialisation als öffentliche Aufgabe. In: Barabas u.a. 1975, S. 374 - 434

● Barabas, Friedrich; Blanke, Thomas; Sachße, Christoph; Stascheit, Ulrich: Zur Theorie der Sozialarbeit: Sozialisation als gesellschaftliche Praxis. In: Barabas u.a. 1977, S. 490 - 535


Zur gegenwärtigen gesellschaftstheoretischen Analyse bieten sich an:

● Beck, Ulrich: Die Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt a.M. 1986

● Deutscher Bundestag: Bericht über Bestrebungen und Leistungen der Jugendhilfe - Achter Jugendbericht. 6.3.1990. Drucksache 11/6576

 

Hiltrud von Spiegel: Offene Arbeit mit Kindern - (k)ein Kinderspiel

 

 

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