ABA Fachverband
Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V.

Der Verband für
handlungsorientierte Pädagogik 

 
 
 
 
     
       

Einführung

Das Spektrum der außerschulischen pädagogischen Arbeit mit Kindern im Alter von sechs bis vierzehn Jahren hat sich seit den sechziger Jahren immens vergrößert. Neben die Kindergruppenarbeit, die traditionell von Jugendverbänden und Kirchen geleistet wird, traten immer mehr Initiativen von engagierten Erwachsenen, die in vielfältigen Formen pädagogische und kulturelle Arbeit mit Kindern praktizieren. Diese Arbeit wird als "Offene Arbeit mit Kindern" bezeichnet.

Ein Teil der Initiativen hat sich inzwischen institutionalisiert; wo Initiativen fehlen, engagiert sich häufig auch die öffentliche Jugendhilfe. Die Offene Arbeit mit Kindern entspricht offensichtlich einem gesellschaftlichen Bedarf, ohne daß diesem Bedarf bisher angemessen, also personell und materiell Rechnung getragen würde. Da sich die Offene Arbeit mit Kindern nur zögerlich professionalisiert, sind politische Forderungen nach Unterstützung schwer durchzusetzen. Wir stellen mit diesem Buch die Offene Arbeit mit Kindern als eigenständiges Arbeitsfeld vor, auch in der Absicht, Hintergrundinformationen für eine politische Absicherung dieser pädagogischen Arbeit bereitzustellen. Wir tragen wissenschaftliches und erfahrungsbezogenes Erklärungswissen zusammen und unterbreiten Vorschläge zum methodischen Arbeiten, um den Fachkräften Handwerkszeug für die fachliche Qualifizierung ihrer Arbeit zu vermitteln.

Der erste Teil des Buches dient einer gesellschaftspolitischen Einordnung der Offenen Arbeit mit Kindern. Nach einer ersten Definition der Offenen Arbeit mit Kindern (Kapitel 1) tragen wir Aspekte zur Geschichte des noch jungen Arbeitsfeldes zusammen. Wir zeigen auf, welche inhaltlichen Schwerpunkte die ProtagonistInnen der Offenen Arbeit mit Kindern verfolgten und wie sich diese im Verlaufe verschiedener gesellschaftlicher Einflüsse veränderten (Kapitel 2). Unabhängig von den subjektiven Zielen einzelner engagierter PädagogInnen läßt sich auch eine Funktionsbestimmung vornehmen. Offene Arbeit mit Kindern dient sozialpolitischen Zwecken, in diesem Falle der Sicherung angemessener Sozialisationsbedingungen von Kindern in einer sich ausdifferenzierenden Gesellschaft (Kapitel 3). Welche Sozialisationsaufgaben sich in unserer derzeitigen Gesellschaft stellen, darüber wird viel spekuliert. Meist ist die Rede von einer "veränderten Kindheit" (gegenüber welcher Zeit?), von "Defiziten", die es auszugleichen gilt und von Sozialisations"risiken" physischer und psychischer Art, die die Fachkräfte abfedern sollen. Wir unterscheiden hier zwischen Veränderungen in der Struktur vieler Familien (Kapitel 4) und den gesellschaftlichen Bedingungen, in die Kinder hineinwachsen und die uns von einer "veränderten Kindheit" sprechen lassen. Über die Defizite und Benefite (Vorteile) der Sozialisationsinstanzen "Familie" und "Gesellschaft" wird viel spekuliert und geforscht. Wir bescheiben einige Veränderungen gegenüber früheren Bedingungen des Aufwachsens von Kindern und unterscheiden dabei zwischen sogenannten zeitdiagnostischen Spekulationen und Forschungsergebnissen (Kapitel 5). Mit dem 6. Kapitel gehen wir kurz auf die vor- und außerschulischen Institutionen ein, die aufgrund der zunehmenden Vergesellschaftung der Sozialisation geschaffen wurden; die Offene Arbeit mit Kindern ist dabei den außerschulischen Institutionen einzuordnen. Sie hat sich inzwischen ausdifferenziert, so daß wir im Kapitel 7 die wesentlichen Arbeitsbereiche vorstellen.

Im zweiten Teil befassen wir uns mit Rahmenbedingungen, die für die praktische Offene Arbeit mit Kindern relevant sind. Wir informieren zunächst über Modalitäten der Trägerschaft dieser pädagogischen Arbeit (Kapitel 8). Im Anschluß stellen wir die rechtlichen Grundlagen des Arbeitsfeldes vor, die im wesentlichen im Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) kodifiziert sind (Kapitel 9). Da die pädagogische Arbeit immer mit öffentlichen Mitteln finanziert wird, folgen Hinweise zur Finanzierung und Förderung der Offenen Arbeit mit Kindern (Kapitel 10). Mit dem 11. Kapitel gehen wir sozusagen in die Einrichtungen hinein und widmen uns den räumlichen Rahmenbedingungen, denn der "strukturelle" Einfluß dieser Bedingungen verblaßt meist angesichts der Finanzmisere und der (vielerorts mangelhaften) Personalaustattung, die wiederum ganz entscheidend für die Qualität der Arbeit ist und der daher ebenfalls ein gesondertes Kapitel (12) gewidmet ist.

Im dritten Teil stellen wir einige neuere Konzepte zusammen, die teilweise für das Arbeitsfeld der Offenen Arbeit mit Kindern, teilweise für die pädagogische Arbeit mit Jugendlichen entwickelt wurden. Einige entstanden auch in anderen politischen oder pädagogischen Bereichen, sind aber für unser Arbeitsfeld wichtig und nützlich. Wir unterscheiden dabei zielorientierte Konzepte (Umweltpädagogik, Erlebnispädagogik, Kapitel 13), zielgruppenorientierte Konzepte (feministische Mädchenarbeit, reflektierte Jungenarbeit, akzeptierende Arbeit mit rechtsgerichteten Kindern und Jugendlichen, Kapitel 14) sowie sozialräumlich orientierte Konzepte (Aneignungskonzept, Ökologie des Spielens und Lernens, Kapitel 15).

Der vierte Teil schließt an die letztgenannten sozialräumlichen Überlegungen an, denn spätestens hier wird deutlich, daß die Offene Arbeit mit Kindern nicht allein aus fachlich-pädagogischer Perspektive betrachtet werden kann. Kinder haben keine eigene Lobby, daher müssen Erwachsene - Fachkräfte und Eltern - deren Interessen offensiv in die Kommunalpolitik und in Planungsprozesse der Stadt- und Kreisverwaltungen einbringen. Ein neues Instrument hierfür bietet die nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz vorgeschriebene Jugendhilfeplanung. Im Kapitel 16 zeigen wir daher auf, wie sich PädagogInnen der Offenen Arbeit mit Kindern dieses politische Instrument zunutze machen können. Im Kapitel 17 stellen wir Möglichkeiten der Politik für Kinder (Kinderbeauftragte, Kinderfreundlichkeitsprüfung) und mit Kindern vor (Kinderparlamente, Kinderradio). Und da nicht nur die Kinder selbst, sondern auch die PädagogInnen, die mit ihnen arbeiten, eine Lobby brauchen, stellen wir im Kapitel 18 klassische Interessenvertretungen vor, die für alle Fachkräfte der Sozialen Arbeit von Bedeutung sind.

Wie schon angedeutet, haben sich professionelle PädagogInnen im Arbeitsfeld der Offenen Arbeit mit Kindern bisher nicht sonderlich etabliert. Ein großer Teil der Arbeit wird improvisiert; vieles läuft ausgesprochen dilettantisch ab, was die ohnehin zu beobachtende Fluktuation und Frustration von Ehren- und Hauptamtlichen aufgrund schlechter materieller Arbeitsbedingungen noch verstärkt. Im fünften Teil stellen wir daher Empfehlungen zum methodischen Arbeiten zusammen. Wir beginnen mit Hinweisen zum Erstellen einer Konzeption, die eine Voraussetzung zum methodischen Arbeiten in der Offenen Arbeit mit Kindern darstellt (Kapitel 19). Die subjektiven Bedürfnisse von Kindern sind eine wesentliche Komponente der Offenen Arbeit. Da man übergreifende Forschungsergebnisse zu den Freizeitvorlieben und Problemen von Kindern unbedingt durch Informationen über die Lebenswelten der Kinder, mit denen man tagtäglich zu tun hat, ergänzen muß, stellen wir im Kapitel 20 eine Auswahl von Methoden zur Erkundung der Lebenswelt von Kindern vor, die auch als Methoden der pädagogischen Arbeit eingesetzt werden können. Im Kapitel 21 wandern wir mit Siebenmeilenstiefeln an den Stationen oder besser den zentralen Tätigkeiten des methodischen Arbeitens in der Sozialen Arbeit vorbei und Vorschläge zur Bewertung der geleisteten pädagogischen Arbeit, zur Selbstevaluation, beenden dieses Buch (Kapitel 22).

Alle Kapitel folgen einer Dreigliederung: wir tragen zunächst "Wissenswertes" zusammen. Wir beschreiben relevante Aspekte der Fachdiskussion zum betreffenden Thema, referieren Forschungsergebnisse, gesetzliche beziehungsweise Verwaltungsrichtlinien oder konzeptuelle Überlegungen. Es folgen - wo immer möglich - Anregungen für die Praxis der Offenen Arbeit mit Kindern. Jedes Kapitel schließt mit Hinweisen auf weiterführende Literatur zur Vertiefung des Lesestoffes.

Bei unserer Literaturrecherche stießen wir auf eine Vielzahl von Veröffentlichungen; wir mußten uns aber vor allem im "theoretischen" Bereich vielfach hilfsweise mit Überlegungen begnügen, die sich auf die Offene Jugendarbeit beziehen und nicht immer auf die Offene Arbeit mit Kindern zu übertragen sind. Die meisten Veröffentlichungen zu diesem Arbeitsfeld werden in (teilweise wenig bekannten) Zeitschriften und der sogenannten Grauen Literatur publiziert, also in Erfahrungs- und Projektberichten oder in Dokumentationen regionaler Fachtagungen, die von Initiativen, Jugendämtern oder Verbänden selbst hergestellt und vertrieben werden. Wo immer möglich, haben wir daher Bezugsadressen angegeben. Wir weisen jedoch darauf hin, daß sich Adressen ändern (Vereine und Verbände wechseln ihr Quartier, Initiativen lösen sich auf) und daß die Auflagen von Projektberichten und Broschüren begrenzt sind. Eine (notgedrungen unvollständige) Liste mit Bezugsadressen von interessanten Zeitschriften und den Anschriften von Fachverbänden befindet sich im Anhang dieses Buches. Selbstverständlich sind alle Empfehlungen Ergebnisse einer persönlichen Auswahl und erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Zu danken haben wir Rainer Deimel vom ABA Fachverband, der als sachkundiger Kenner der Praxis das gesamte Manuskript gründlich durchgesehen und wesentliche Informationen zur Vervollständigung des Buches beigesteuert hat. Elke Krümmel hat mit umfassenden Recherchen zum Zustandekommen der Kapitel 7 bis 12 sowie der Kapitel 17 und 18 beigetragen. Darüber hinaus danken wir Rainer Deimel, Ulrich Deinet, Wolfgang Hahn, Hildegard Schumacher-Grub und Benedikt Sturzenhecker, die jeweils ein Konzept für die Offene Arbeit mit Kindern beschrieben haben.

 

Hiltrud von Spiegel: Offene Arbeit mit Kindern - (k)ein Kinderspiel (Einführung)

 

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