ABA Fachverband
Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V.

Der Verband für
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Die Niedersachsen-Studie in der Kritik

So der Titel einer Facharbeit, die Vivian Belz, Jahrgang 1991, Schülerin der 12. Klasse an der Kaiserin-Augusta-Schule (ein Gymnasium in Köln), geschrieben hat. Thema sollte die Studie "Die PISA-Verlierer – Opfer ihres Medienkonsums?" sein. Die Arbeit entstand im Rahmen des Fachs Deutsch. Im Vorfeld wandte sie sich an den ABA Fachverband. Sie teilte mit, es gebe "strenge Vorgaben, die es einzuhalten" gelte. Eine der Vorgaben sei, "dass der Textteil der Facharbeit nur 6-8 Seiten betragen dürfte". Deshalb hat sie einen Teil der Arbeit in einen Anhang verlegt. Nachdem sie die Arbeit fertig hatte, stellte sie diese auch dem Verband zur Verfügung. Es hat uns große Freude gemacht, uns mit dem Ergebnis zu beschäftigen. Gern präsentieren wir es hier für Interessierte, zumal die Arbeit einmal mehr deutlich macht, mit welcher Ernsthaftigkeit sich junge Leute mit den Bedingungen ihres Aufwachsens auseinandersetzen.

Vivian Belz belegte zum Zeitpunkt der Facharbeit die Leistungkurse Englisch und Französisch. Mit Schreiben vom 3. März 2010 an den ABA Fachverband teilte sie unter anderem mit: "Das Fach Deutsch wurde mir für die Facharbeit sozusagen zugelost, womit ich jedoch schnell sehr zufrieden war, da mich Medien doch stark interessieren, und ich eventuell ein Studium in diese Richtung anstreben werden. In den Osterferien werde ich ein Praktikum in einer Werbeagentur machen. ... Ich spiele seit zehn Jahren Tennis und Klavier und ansonsten verbringe ich die meiste Zeit mit meinen Freunden. ... Viele Grüße und viel Spaß beim Lesen, Ihre Vivian Belz"

Die Niedersachsen-Studie in der Kritik: mediales Konsumverhalten von Kindern und Jugendlichen im Spiegel der Niedersachsen-Studie und der aktuellen Kritik daran

Von Vivian Belz

Inhalt
Einleitung
Warum habe ich mich für dieses Thema entschieden?
Die Niedersachsen-Studie – Zusammenfassung der NRS-Studie
Die Niedersachsen-Studie – Fazit der NRS-Studie
Prof. Dr. Christian Pfeiffer
Kritik am Kritiker
Fazit
Literaturverzeichnis
Anhang

1. Einleitung

Die Studie „Die PISA-Verlierer – Opfer ihres Medienkonsums“ wurde 2007 von Prof. Dr. Christian Pfeiffer u.a. im Namen des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen e.V. (KFN) verfasst und befasst sich ausführlich mit dem medialen Konsumverhalten und dessen Auswirkung auf schulische Leistungen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Bereits seit 2004 untersucht man am KFN die Frage, wie sehr die schulischen Leistungen von „bestimmte(n) Mediennutzungsmuster(n)“ (1) beeinträchtigt werden, wobei man eine deutliche Affinität zu den PISA-Studien von 2000, 2003 und 2006 feststellen kann.

Zum Verständnis: Die Verfasser der PISA-Studien gehen davon aus, dass das deutsche Schulsystem zumindest einen großen Teil der Schuld am Misserfolg der deutschen Schüler und Schülerinnen in den Pisa-Tests trägt. Das dreigliedrige Schulsystem, der Mangel an Ganztagsschulen und die „Defizite der Schuldidaktik“ (2) werden hier stark kritisiert und für die Leistungsunterschiede, die sich sowohl im nationalen als auch im internationalen Vergleich zeigen, verantwortlich gemacht.

Dieses will Professor Dr. Pfeiffer in seiner Niedersachsen-Studie untersuchen, da er davon ausgeht, dass nicht nur das deutsche Schulsystem, sondern auch andere Aspekte, wie zum Beispiel der Medienkonsum der Kinder und Jugendlichen, eine entscheidende Rolle spielen.

2. Warum habe ich mich für das Thema „Die Niedersachsen-Studie in der Kritik: mediales Konsumverhalten von Kindern und Jugendlichen im Spiegel der Niedersachsen-Studie und der aktuellen Kritik daran“ entschieden?

Der Medienkonsum Jugendlicher und seine möglichen Auswirkungen wird häufig kontrovers in den Medien diskutiert – nicht zuletzt ist es ein ständiger Reibungspunkt zwischen Eltern und Jugendlichen in der Pubertät – so auch bei mir, denn ich gehöre ebenfalls zu der Gruppe Jugendlicher, die nach Meinung der Erwachsenen einen hohen Medienkonsum haben.

Als ich von der Niedersachsen-Studie gehört habe, und davon, dass sie sich mit dem Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen auseinandersetzt, habe ich gedacht, dass das ein adäquates Thema für mich wäre. So habe ich mich dazu entschlossen, mich im Rahmen der Facharbeit mit dieser Studie zu befassen.

3. Die Niedersachsen-Studie

3.1. Zusammenfassung der Niedersachsen-Studie

Prof. Dr. Christian Pfeiffer, der seit 1987 am KFN tätig ist, und sich ausgiebig mit Medienforschung beschäftigt, geht noch einen Schritt weiter als die Verfasser der PISA-Studie, die den Misserfolg der deutschen Schüler und Schülerinnen rein auf das schlechte deutsche Schulsystem schieben: Er geht davon aus, dass nicht nur das Schulsystem, sondern vor allem auch „das häusliche Umfeld“ (3) eine wichtige Rolle für die schulischen Leistungen spielt. Da dieses in der PISA-Studie zum größten Teil unberücksichtigt geblieben ist, vergleicht er in der mir vorliegenden Studie die Mediennutzung von 23.000 Schülern unterschiedlichster Bildung und Herkunft und wies in seinen Untersuchungen nach, dass der Medienkonsum die Schulleistungen ausschlaggebend negativ beeinträchtigt.

Die Ergebnisse seiner Studie fasst Pfeiffer in vier verschiedene Kategorien zusammen: er unterscheidet zwischen Schülern mit Migrationshintergrund und in Deutschland geborenen Schülern, zwischen Schülern aus sozial schwachen Familien und denen aus der Mittelschicht, sowie zwischen Jungen und Mädchen als auch norddeutschen und süddeutschen Schülern.

Hier einige Beispiele zu den verschiedenen Gruppen: 38,1 Prozent der Jungen besitzen im Alter von 10 Jahren eine eigene Spielkonsole, Mädchen im Gegensatz dazu nur zu 15,6 Prozent. Auch im Besitz eines Computers oder Fernsehers liegen klar die Jungen vorne.

In Norddeutschland besitzen 42 Prozent der Kinder einen eigenen Fernseher, im Süden hingegen nur 27 Prozent.

Ist das Bildungsniveau der Eltern hoch, und das Kind stammt somit aus einer sozial starken Familie, so besitzen nur 11,3 Prozent der Kinder eine eigene Spielkonsole und nur 16 Prozent einen eigenen Fernseher. Ist das Bildungsniveau der Eltern gering, und das Kind kommt somit aus einer sozial schwachen Familie, so liegt der Spielkonsolenbesitz bei 43, der Fernsehbesitz bei 57 Prozent.

Zuletzt zum Migrationshintergrund: 51,6 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund besitzen einen eigenen Fernseher, wohingegen nur 31,9 Prozent der einheimischen deutschen Kinder über einen eigenen Fernseher verfügen.

Auch die Schulform scheint eine wichtige Rolle zu spielen: 44,4 Prozent der einheimischen deutschen Schülerinnen und Schüler besuchen das Gymnasium, 20,7 Prozent die Hauptschule. Bei Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund ist ein reziprokes Verhältnis zu erkennen: 44,6 Prozent besuchen die Hauptschule, aber nur 23 Prozent das Gymnasium.

Es lässt sich also schnell feststellen, dass die jeweils oben an erster Stelle genannte Gruppe schlechter abschneidet als die zweitgenannte.

Die Schulnoten der Kinder, die einen hohen Medienkonsum haben, weichen oft deutlich und besorgniserregend von dem Klassendurchschnitt ab: die Noten der Jungen, die einen eigenen Fernseher im Zimmer haben, sind in Deutsch um 0,34 (also gut dem Drittel einer ganzen Schulnote), in Sachkunde um 0,31 und in Mathematik sogar um 0,4 schlechter als die Noten der Jungen, die keinen eigenen Fernseher besitzen. Die Noten der Mädchen, die einen eigenen Fernseher besitzen, weichen in Deutsch um 0,29, in Sachkunde um 0,36 und in Mathe um 0,32 von den Noten der Mädchen ohne eigenen Fernseher ab. So zeigt sich deutlich, dass der mittlere Notendurchschnitt derjenigen Kindern, die einen eigenen Fernseher besitzen, niedriger ist.

Grund für die besorgniserregenden Ergebnisse der Untersuchung sei wohl der Einfluss der Medien, so die Pfeiffersche-Studie. Sowohl der Inhalt als auch die Dauer des Medienkonsums seien von großer Bedeutung für das schulische Leistungspotenzial.

Die Dauer des Medienkonsums wurde genau wie die schulischen Leistungen in verschiedene Gruppen geteilt (Angabe in Minuten pro Schultag) : Jungen nutzen etwa  50 Minuten länger Computer und Fernsehen als Mädchen. In süddeutschen Städten liegt die mediale Konsumzeit bei 105 Minuten täglich, in norddeutschen hingegen bei 127. Ist das Bildungsniveau der Eltern hoch, so liegt die Konsumzeit pro Schultag bei 77 Minuten, ist das Bildungsniveau gering, so liegt sie bei 175 Minuten, also 100 Minuten mehr, was einen immensen Unterschied darstellt. Macht man die Konsumzeit von der Nationalität abhängig, so nutzen die in Deutschland geborenen Schüler 106 Minuten täglich TV&PC, Schüler und Schülerinnen mit Migrationshintergrund eine Stunde mehr; auch hier zeigt sich eine aussagekräftige Divergenz.

Das Muster ist eigentlich immer dasselbe: die Schüler mit Migrationshintergrund haben ein höheres Medienkonsumverhalten als einheimische, Jungen ein höheres als Mädchen, norddeutsche Jugendliche konsumieren mehr als süddeutsche und Kinder aus der sozialen Unterschicht liegen vor Kindern aus der Mittelschicht.

Aber nicht nur die Dauer der Mediennutzung, sondern auch der Inhalt der Medien spielt eine große Rolle für die schlechter ausfallenden Schulleistungen der Kinder und Jugendlichen: Pfeiffer befragte seine Zielgruppen nach Altersbeschränkung der genutzten Medien und das Ergebnis ist schockierend: 32,5 Prozent der Viertklässler, die schon einen eigenen Fernseher besitzen, schauen Filme, die erst ab 16 Jahren freigegeben sind, wohingegen „nur“ 16,3 Prozent der Kinder, die keinen eigenen Fernseher haben, Filme ab 16 Jahren gucken. Dasselbe Muster zeigt sich bei Kindern mit eigener Spielkonsole: diese spielen USK 16-Spiele 2,3 Mal und USK 18-Spiele 2,8 Mal öfter als die Kinder, die keine eigene Spielkonsole zur Verfügung haben.

Durch die Nutzung dieser Spiele lässt die Konzentrationsfähigkeit nach und somit fällt die schulische als auch die soziale Leistung ab, da die Kinder nur noch zu Hause sitzen und sich mit TV/PC beschäftigen. Vor allem ist dies bei gewaltverherrlichenden Filmen bzw. Spielen der Fall. Dazu kommt, dass fast 20 Prozent der Kinder, die eine eigene Spielkonsole und einen eigenen Fernseher besitzen, an Übergewicht leiden, 7,8 Prozent sogar an akuter Fettleibigkeit (Stand 2007).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Kinder aus benachteiligten Familien sowie solche mit Migrationshintergrund durch ihren erhöhten Medienkonsum in der Schule zu Verlierern werden könnten.

3.2. Das Fazit der Studie von Herrn Prof. Dr. Pfeiffer: Was ist zu tun? Wie kann man diesen Schulleistungsdefiziten Abhilfe leisten?

Die These „Je mehr Zeit die Kinder und Jugendlichen mit Medienkonsum verbringen, desto schlechter werden ihre Schulnoten“, hat sich in der eben zusammengefassten Studie klar bestätigt.

Um den Medienkonsum der Kinder und Jugendlichen zu mindern, rät Prof. Dr. Christian Pfeiffer zu rechtzeitiger Aufklärung; die Betreuer der Kinder (Eltern, Lehrer u.s.w.) sollen wissen, wie folgenschwer der hohe Medienkonsum für das Leben der Kinder sein kann.

Kinder, die in der frühen Kindheit schon einen eigenen Fernseher besitzen, sind oftmals in „hohem Maß“ (4) hyperaktiv und können zudem durch zu häufiges Computerspielen Merkmale von Suchtverhalten erkennen lassen. Schüler und Schülerinnen in jungem Alter müssen lernen, „den Computer und die Unterhaltungsmedien sinnvoll einzusetzen“. Zudem wurde von der Bundesprüfstelle der öffentliche Verkauf von Computerspielen ohne Jugendfreigabe sowie die öffentliche Werbung für diese verboten, was sich als sehr sinnvoll herausstellt, da bei einer erneuten Umfrage nur noch 0,1 Prozent der 10-jährigen und 2,5 Prozent der 14- und 15-jährigen Kinder Erfahrungen mit derartigen Spielen gemacht haben (vorher lag die Quote bei einem 10 Jahre alten Jungen mit Migrationshintergrund und geringem Bildungsniveau der Eltern, der in einer norddeutschen Stadt wohnt, bei 22,9 Prozent, bei einem einheimischen deutschen Mädchen mit hohem Bildungsniveau der Eltern, das in einer süddeutschen Stadt wohnt bei 0 Prozent. Hierbei handelt es sich allerdings um Extrembeispiele!). Pfeiffer verweist hierzu auf Pilotstudien (6), die sowohl in Kanada als auch in den USA durchgeführt wurden. In diesen Studien zeigt man, dass man den Medienkonsum der Kinder stark reduzieren könne, wenn Schulprogramme ihre „Alltagsmediennutzung […] in den Mittelpunkt ihrer Arbeit“ (7) stellen würde.

„Die Politik wird aufgefordert, die nötigen Mittel für eine breit angelegte  Aufklärungskampagne zur Verfügung zu stellen.“ (8) „Darüber hinaus benötigen wir eine effektive Durchsetzung der Jugendschutznormen“ (9), so Pfeiffer. Um deren Durchsetzung kontrollieren zu können, forderte er jugendliche Testkunden auf, Spiele zu kaufen, die nicht für ihr Alter freigegeben sind. So will er die Menschen, die den Jugendlichen diese Spiele ohne Ausweiskontrolle verkaufen, bestrafen lassen, und damit die Abgabe von USK 16/18-Spielen an Jugendliche unter 16 Jahren verringern.

Des Weiteren fordert Pfeiffer die Einführung der Ganztagsschulen. Durch Ganztagsschulen würden die Kinder sich nachmittags nicht mehr ausschließlich mit Medien beschäftigen, sondern in der Schule eine Alternative durch „Sport, Musik, kulturelles und soziales Lernen“ (10) geboten bekommen.

4. Umfrage

Weil ich der Meinung war, dass Prof. Pfeiffer nicht jeden relevanten Aspekt in seiner Studie „Die PISA-Studie – Opfer ihres Medienkonsums“ aufgriff, habe ich eine Umfrage in der Kölner Innenstadt durchgeführt und hinterfragt, ob nicht die Anzahl der Geschwister die Höhe des Medienkonsums beeinflussen könnte. Da die Ergebnisse meiner Umfrage jedoch nichts anderes widerspiegelten als die ohnehin schon bekannten Ergebnisse der PISA-Studie, habe ich diese Umfrage (auch auf Grund des Platzmangels) in den Anhang verlegt.

5. Prof. Dr. Christian Pfeiffer

Prof. Dr. Christian Pfeiffer wurde am 20. Februar 1944 in Frankfurt geboren und ist derzeit Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN).

Von 1965 bis 1971 studierte er Rechtswissenschaften und Sozialpsychologie, 1985 – 1997 war Pfeiffer Vorsitzender der Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen. 2000 – 2003 war er Justizminister von Niedersachsen.

Seit 1985 arbeitet Pfeiffer am KFN in Hannover, zunächst als stellvertretender Direktor, seit 1988 als Direktor. 2007 verfasste er die Niedersachsen-Studie „Die PISA-Verlierer – Opfer ihres Medienkonsums“ mit seinen Kollegen Thomas Mößle, Matthias Kleimann und Florian Rehbein, wobei es sich um eine „Analyse auf der Basis verschiedener empirischer Untersuchungen“ (11) handelt.

In meiner Facharbeit habe ich mich jedoch ausschließlich mit der oben genannten Studie und der aktuellen Kritik daran beschäftigt. (12)

6. Kritik am Kritiker

Die Forschungen von Prof. Dr. Christian Pfeiffer werden seit Jahren in der Öffentlichkeit stark kritisiert und es gibt bis heute Diskussionen über seine veröffentlichen Studien, die sich vor allem mit dem Medienkonsum der Kinder und Jugendlichen in Deutschland beschäftigen, und wie sich dieser auf die Schulleistungen auswirkt.

„Professor Pfeiffer kann es nicht lassen“ (13) : So lautet die Überschrift eines im Internet erschienenen Artikels, der sich mit der erneuten Attacke Pfeiffers auf „die Kinder- und Jugendarbeit“ (14) befasst: Im November 2006 trat er in der Sendung „Hart aber fair“ auf und kritisierte öffentlich „unser System“ (15) das durch PISA so leistungsfixiert sei, dass die Gesellschaft zu viele „Verlierer in unserem Schulsystem“ (16) erzeugen würde. Wir seien nicht darauf eingestellt, scheiternden Schülern zu helfen. Um diesen „Verlierern“ (vgl. Fußnote 16) eine größere Chance in der Schule zu geben, schilderte er eine seiner Visionen, in der er sagt, dass man die Sozialarbeiter, die in Jugendzentren und Freizeitheimen arbeiten, nicht mehr bräuchte, wenn die Ganztagsschulen funktionieren würden. „Und bitte: Alle Sozialarbeiter in diese Ganztagsschulen rein!“ (17) so Pfeiffer. Er fordert die Auflösung der Jugendarbeit und will diese in die Ganztagsschulen verlegen (18) Seine Aussage, unser System sei durch PISA zu leistungsfixiert, wird stark in die Kritik genommen, da PISA nicht der Grund für das schulische Scheitern sei, sondern dieses nur „öffentlichkeitswirksam“ (19) belege. Er will, dass die Jugendlichen, die in der Schule keine zufriedenstellenden Leistungen erzielen, nicht nur während der Schulstunden in der Schule sitzen, sondern darüber hinaus noch ihren Nachmittag in der Schule verbringen. „Die scheiternden Opfer des Schulsystems“ (20) sollen dort Hilfe von Psychologen und Sozialarbeitern bekommen: „Die unveränderte Schule in den Ganztag zu verlängern und die Scheiternden am Ort ihres Desasters gleich abzufangen, das ist Pfeiffers Konzept“, so lautet die kritisierende Antwort Benedikt Sturzenheckers in „Die ‚Affäre’ geht weiter“. (21)

Zwei Jahre später, 2008, überraschen Pfeiffer und seine Mitarbeiter mit der These, dass Jugendliche, die des Öfteren Freizeitheime besuchen, von diesen in ihrem Gewaltverhalten beeinflusst würden („Sind Freizeitzentren eigenständige Verstärkungsfaktoren der Jugendgewalt?“. (22) Sie betonen, es sei bereits nachgewiesen worden, dass das Gewaltverhalten der Jugendlichen durch „das Aufsuchen verschiedener Freizeitorte“ (23) beeinflusst werde, und dass sich bereits zeige, dass Jugendliche, die nicht an solchen Freizeitorten vorzufinden seien, seltener mit Gewalttaten auffielen, als die Vergleichsgruppe derer, die oft solche Orte besuchten.

Pfeiffer, „das Gesicht des KFN“ (24) fordert 2007 das Verbot von sogenannten Killerspielen. Er bemängelt die „Alterseinstufungen ‚ab 12’, ‚ab 16’ und ‚Keine Jugendfreigabe’“ der gewalthaltigen Computerspiele, die seiner Meinung nach nicht alle angemessen eingestuft worden seien. Jedoch steht er mit der Forderung nach einem strikten Verbot alleine da, sogar einige seiner Mitarbeiter und vier Mitverfasser seiner Studie „Jugendmedienschutz bei gewalthaltigen Computerspielen. Eine Analyse der USK-Alterseinstufungen“ (25) sind dagegen, „eine gesonderte strafrechtliche Verbotsnorm ins Auge zu fassen“. (26)

Aber nicht nur das Verbot von Killerspielen wird von Dr. Pfeiffer, dem wohl heftigsten Gegner der gewalthaltiger Computerspiele, gefordert, es folgte noch mehr; 2006 lautete seine These:

Den Medienkonsum von Jugendlichen sollte man per Gesetz einschränken. Das beste Rezept gegen Gewaltspiele sei, den Kids die Gelegenheit zum Spielen zu nehmen.

Mit dieser These landet er einen „Volltreffer“, da selbst „ausgesprochene Gegner gewalthaltiger Spiele“ (27) diesen Vorschlag als komplett sinnlos erachten und umgehend ablehnen (siehe mehr Informationen im Anhang).

7. Fazit

Pfeiffer weist mit seiner Studie „Die PISA-Verlierer – Opfer ihres Medienkonsums“ nach, dass seine Vermutung, der Medienkonsum der Kinder und Jugendlichen wirke sich nachhaltig auf ihre Schulleistungen aus und verschlechtere diese, richtig war. Die Ergebnisse seiner Forschungen zeigen, dass ein hoher Medienkonsum die Schulleistungen beeinflusst und sich der Notenschnitt der deutschen Schüler und Schülerinnen senkt.

Auch ich bin vor dem Lesen der Studie davon ausgegangen, dass Pfeiffer mit seiner o.g. These Recht hat, was ich in den Ergebnissen dieser Studie widergespiegelt sehe.

Jedoch pauschalisiert er seine Aussagen stark und geht davon aus, dass die Ergebnisse seiner Umfragen auf jeden Schüler/ jede Schülerin zutreffen – in diesem Punkt kann ich ihm nicht zustimmen, da es meiner Meinung nach zu viele Gegenbeispiele geben dürfte. Was mir auffiel war, dass er keine positive Beispiele nennt, nicht jeder Schüler, der einen hohen Medienkonsum hat, ist gleich schlecht in der Schule. Des Weiteren sind die Ergebnisse seiner Studie sehr bewertend veröffentlich worden: Er bezeichnet Schüler, die eine Hauptschule besuchen, als Verlierer (28) Kinder und Jugendliche die viel fernsehen, Computer spielen oder oft Spielkonsolen nutzen, als Opfer ihres Medienkonsums. (29)

Leider muss ich trotz dieser kritischen Aspekte zugeben, dass sich seine Vermutung in den Umfragen bestätigt und sich mit meiner Meinung deckt.

8. Literaturverzeichnis

Anonym, „Leitstudie (Pilotstudie)“, Berufsverband Deutscher Markt- und Sozialforscher e.V., Stand: 07.09.2006, <http://www.bvm-net.de/glossar-l/leitstudie-pilot-studie.html> Zugriff: 17.01.2010

Anonym, „Pilotstudie”, Wikipedia – die freie Enzyklopädie, Stand: 31. Juli 2009, <http://de.wikipedia.org/wiki/Pilotstudie> Zugriff: 17.01.2010

Anonym, „Prof. Dr. Christian Pfeiffer“, Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V., Stand: 04.2009, <http://www.kfn.de/MitarbeiterInnen/WissenschaftlerInnen/Christian_Pfeiffer.htm> Zugriff: 01.02.2010

Anonym, „Prof. Dr. Christian Pfeiffer“, Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V., Stand: 04.2009, <http://www.kfn.de/MitarbeiterInnen/WissenschaftlerInnen/Christian_Pfeiffer.htm?suche=killerspiele> Zugriff: 14.02.2010

Benedikt Sturzenhecker, „Ende 2006: Die Affäre Pfeiffer geht weiter“, ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V., Stand: 18. Dezember 2007, <http://www.aba-fachverband.org/index.php?id=563> Zugriff: 30./31.01.2010, 01./02.02.2010

Christian Pfeiffer, Thomas Mößle, Matthias Kleimann, Florian Rehbein; “Die PISA-Verlierer – Opfer ihres Medienkonsums”,  Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V., Stand: 2007, <http://www.kfn.de/versions/kfn/assets/pisaverlierer.pdf > Zugriff: Dezember 2009 - Februar 2010

Nagelredaktion ABA Fachverband, „Dokumentation eines Disputs“, ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V., Stand: 27. April 2009, <http://www.aba-fachverband.org/index.php?id=739> Zugriff: 30./31.01.2010, 01./02.02.2010

Nagelredaktion ABA Fachverband, „Pfeiffer – Die Zweite!“, ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V., Stand: 04. September 2009, <http://www.aba-fachverband.org/index.php?id=875> Zugriff:

pat/AP, „Debatte um Gewalt: Gesetze gegen Medienkonsum von Jugendlichen?“, Spiegel Online Netzwelt, Stand: 11.03.2006, <http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,405532,00.html> Zugriff: 15.16.01.2010

Redaktion, „Jubiläum: Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen“, Das regionale Wirtschaftsportal, Stand: 06.11.2009, <http://nds-ost.business-on.de/kriminologisches-forschungsinstitut-niedersachsen-jubilaeum-christian-pfeiffer-_id640.html> Zugriff: 13.02.2010

Redaktion, „ Killerspiele: Pfeiffers Kollegen gegen ein Verbot”, golem.de, Stand: 11.05.2007, <http://www.golem.de/0705/52241-3.html> Zugriff: 09.02.2010

Stefan Roth, <http://www.design-und-cartoon.de./> Zugriff: 30./31.01.2010, 01./02.02.2010, 17.02.2010

Anhang

Befragung Schüler/innen

Wie alt bist Du?

Was machst Du gerne in Deiner Freizeit?

Wie viele Stunden TV guckst Du pro Tag? Sendungen/ Filme ab welchem Alter?

Wie viele Zeit verbringt du täglich am PC? Internet/ Spiele (ab welchem Alter)?

Welche Schulform besuchst Du?

In die wievielte Klasse gehst Du?

Wie sind Deine Schulnoten? Besser/schlechter/gleich Durchschnitt?

Wie viele Geschwister hast du? Verbringst Du viel Zeit mit ihnen?

Mit wie vielen Personen wohnst du zusammen? Großeltern?

Wie schätzt Du Deine tägliche Konsumzeit von TV & PC auf einer Skala von 1-10 ein? (1 gering, 10 sehr hoch)

Umfrage

These zur Studie

Ein Punkt, den die vorliegende Studie jedoch in keinster Weise aufgreift ist die Abhängigkeit des Medienkonsums von Geschwistern. Für mich war es interessant zu hinterfragen, ob der naheliegende Gedanke, dass Einzelkinder einen höheren Medienkonsum haben, weil sie sich vielleicht öfter langweilen oder öfter alleine sind, tatsächlich zutreffen könnte. Daher nachstehend meine These:

Jugendliche ohne Geschwister haben einen höheren Medienkonsum als Heranwachsende, die Geschwister haben.

Um dieses zu belegen, habe ich einen kurzen Fragebogen entwickelt. Damit der Rahmen der Facharbeit nicht gesprengt wird, habe ich mich auf die 15-19-Jährigen beschränkt. Rein zufällig habe ich nur Gymnasiasten befragt, habe dies aber so bestehen lassen, da es mir letztlich nur um die Frage der Geschwister ging, und ob sich daraus unmittelbar die Höhe des Medienkonsums ableiten lässt. Die Schulbildung scheint mir für diese Thematik weniger wichtig, da die Studie selbst ja belegt, dass sie für andere Aspekte des Medienkonsums eine herausragende Rolle spielt.

Also führte ich an einem Samstag-Nachmittag die o.g. Umfrage in der Kölner Innenstadt (Schildergasse) durch und befragte 40 Personen meiner Zielgruppe.


Ergebnisse der Umfrage

Nach Durchsicht der Fragebögen habe ich mir die Frage gestellt, ob ich Jungen und Mädchen gegebenenfalls getrennt in einer Tabelle erfassen müsste. Jedoch liegen die Angaben beider Gruppen sehr dicht beieinander, sodass mir dies nicht erforderlich erschien.

In der nachstehenden Tabelle sind die Angaben der Jungen und Mädchen zusammengefasst und geben den durchschnittlichen TV-Konsum sowie PC-Konsum pro Tag in Stunden an, bezogen auf die Anzahl der Geschwister:



Was dem Betrachter dieser Tabelle wahrscheinlich schnell ins Auge fällt, ist, dass die Zeit des TV-Konsums keinen großen Unterschied zwischen Jugendlichen mit 0, 1 oder 2 Geschwistern aufweist. Der Durchschnitt des täglichen TV-Konsums bei Heranwachsenden mit keinem oder einem Geschwisterkind liegt bei 1,9 Stunden, der von solchen, die zwei Geschwister haben, bei 1,5, demnach ist der Unterschied gering. Erst mit drei oder mehr Geschwistern lässt sich eine größere Abweichung feststellen: der TV-Konsum halbiert sich nahezu, die Jugendlichen sehen täglich nur noch 60 Minuten fern

Noch auffälliger war jedoch der durchschnittliche PC-Konsum in Stunden pro Tag: Egal ob kein, ein oder zwei Geschwisterkinder, die Jugendlichen nutzen täglich 2,4 Stunden den Computer. Die Anzahl der Geschwister nimmt hier also keinen Einfluss auf die Höhe des PC-Konsums. Erst bei den Jugendlichen, die drei oder mehr Geschwister haben, ergibt sich eine größere Divergenz in der PC-Nutzung; Der tägliche PC-Konsum sinkt um 0,7 Stunden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es keinen komplett verlässlichen Anhaltspunkt dafür gibt, dass eine Abhängigkeit zwischen der Zahl der Geschwister und der Dauer des Medienkonsums besteht. Trotzdem zeigen die kleinen Divergenzen, die die berechneten Durchschnitte des Medienkonsums der Jugendlichen mit keinen, ein, zwei oder drei Geschwistern präsentieren, dass meine ursprüngliche These zutreffen könnte. Mir ist bewusst, dass man hier nicht von einer empirischen Untersuchung sprechen kann, da nur 40 Leute befragt wurden.


6. Kritik am Kritiker

 

Karikatur: Stefan Roth (30) Anmerkung der NAGEL-Redaktion: Die Karikatur hat Stefan Roth dem ABA Fachverband zur Verwendung im Internet zur Verfügung gestellt. 

 

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Fußnoten

(1) „Die PISA-Verlierer – Opfer ihres Medienkonsums“, S.2, Z.2
(2) „Die PISA-Verlierer – Opfer ihres Medienkonsums“, S.4, Z.5-6
(3) „Die PISA-Verlierer – Opfer ihres Medienkonsums“, S.4, Z.9
(4) „Die PISA-Verlierer – Opfer ihres Medienkonsums“, S.20, Z.30
(5) „Die PISA-Verlierer – Opfer ihres Medienkonsums“, S.20, Z.38-39
(6) siehe hierzu http://de.wikipedia.org/wiki/Pilotstudie und http://www.bvm-net.de/glossar-l/leitstudie-pilot-studie.html
(7) „Die PISA-Verlierer – Opfer ihres Medienkonsums“, S.18, Z.38-39
(8) „Die PISA-Verlierer – Opfer ihres Medienkonsums“, S.20, Z.40-42
(9) „Die PISA-Verlierer – Opfer ihres Medienkonsums“, S.21, Z.11
(10) „Die PISA-Verlierer – Opfer ihres Medienkonsums“, S.21, Z.25-26
(11) Diese und weitere Ausführungen zu „Die PISA-Verlierer – Opfer ihres Medienkonsums“ unter http://www.kfn.de/versions/kfn/assets/pisaverlierer.pdf; hier: S.0 (Titelseite)
(12) Die Ausführungen zu Prof. Dr. Pfeiffer siehe: http://www.kfn.de/MitarbeiterInnen/WissenschaftlerInnen/Christian_Pfeiffer.htm
(13) http://www.aba-fachverband.org/index.php?id=739
(14) ebenda
(15) ebenda
(16) ebenda
(17) ebenda
(18) Diese und weitere Ausführungen zu Pfeiffers Forderungen siehe: http://www.aba-fachverband.org/index.php?id=563
(19) ebenda
(20) ebenda
(21) ebenda
(22) http://www.aba-fachverband.org/index.php?id=875
(23) ebenda
(24) http://nds-ost.business-on.de/kriminologisches-forschungsinstitut-niedersachsen-jubilaeum-christian-pfeiffer-_id640.html
(25) http://www.kfn.de/MitarbeiterInnen/WissenschaftlerInnen/Christian_Pfeiffer.htm?suche=killerspiele
(26) http://www.golem.de/0705/52241-3.html
(27) http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,405532,00.html
(28) http://www.tagesspiegel.de/politik/art771,2094814
(29) vgl. http://www.kfn.de/versions/kfn/assets/pisaverlierer.pdf
(30) http://www.aba-fachverband.org/index.php?id=875;  siehe auch: http://www.design-und-cartoon.de

 

 

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 6. Januar 2011

 

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