ABA Fachverband
Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V.

Der Verband für
handlungsorientierte Pädagogik 

 
 
 
 
     
       

Kinderspielplätze sind wie Affenkäfige

Interview von Bettina Schilling mit Jan-Uwe Rogge


Herr Rogge, bei diesem Vergleich kommen Mütter nicht gut weg. Ist Ihr Affenzoo-Vergleich provozierend oder ernst gemeint?

Rogge: Das ist schon ernst gemeint. Es gibt in der Tat viele Mütter, die sich durchaus wie Hyänen verhalten. Da herrscht häufig Kleinkrieg. Aber was ich damit sagen will, ist, Mütter sollten Kinder Kinder sein lassen. Mütter sollten Kinder nicht ständig miteinander vergleichen, sondern akzeptieren, dass Kinder unterschiedlich sind. Mütter sollten untereinander solidarischer sein und sie sollten ihre Kinder nicht ständig mit ihren Ratschlägen nerven: „Kevin, mach dies.“ „Laura, lass das sein.“

War das früher anders?

Rogge: Während früher Kinder meistens unter sich in Wäldern und auf Wiesen spielten, spielen sie heute zunehmend auf Kinderspielplätzen. Dort gibt es zwar auch immer noch Büsche, aber hinter jedem Busch steckt eine Mutter. Das heißt, wo das Kinderauge hinschaut, überall Mütter. Und diese Mütter gucken andauernd auf ihre Kinder. Sie gehen sozusagen in der Erziehung auf wie die Hefe im Kuchen.

Welche Nachteile entstehen Kindern daraus?

Rogge: Prinzipiell sind Kinder ja Anarchisten genug, sich immer wieder Freiräume und Zeiten zu erkämpfen. Diese kindliche Anarchie ist ja nicht stillgelegt. Aber die ständige Beobachtung im „Affenzoo“ macht es Kindern insgesamt schwerer. Kinder brauchen heute sehr viel Kraft und Energie, um ihre Freiräume gegen ständig glotzende und analysierende Eltern, die es natürlich nur gut meinen, zu verteidigen. Und wenn Kinder nicht die Möglichkeit haben, unbeobachtet zu sein, dann werden sie auch ein Stück weit unselbstständig, weil ständig Erwachsene da sind, die Probleme für sie lösen.

Dazu passt auch, dass Sie generell für mehr Gelassenheit in der Erziehung plädieren …

Rogge: Genau. Gelassenheit meint, nicht immer sofort einzugreifen, die Kinder auch ihre Konflikte beispielsweise selber miteinander austragen zu lassen, auch wenn es mal heftig wird. Gelassenheit meint auch, Kinder nicht ständig miteinander zu vergleichen. In Gelassenheit steckt auch zulassen. Ich lasse zu. Ich lasse auch Erfahrungen meiner Kinder zu, auch vielleicht nicht so tolle Erfahrungen.

Heißt das, Sie raten Eltern dazu, bewusst wegzuschauen?

Rogge: So ist es. Wenn ich mein Kind zum Spielplatz gebracht habe und merke, es ist alles in bester Ordnung, ungefährlich, und ich kann meinem Kind vertrauen, dass es nicht wegrennt, dann kann ich doch die Kinder unter sich spielen lassen. Dann tratsche ich, dann ratsche ich und lasse es mir gut gehen. Also um es jetzt mal provokativ zu sagen: Mütter sollten sich Ohrstöpsel rein tun und sich mit dem Rücken zu ihren spielenden Kindern setzen. Dann bekommen sie nichts mit.

Wenn sich gelassene Eltern auf Spielplätzen zurücknehmen, machen sie häufig die Erfahrung, dass sich andere Eltern einmischen …

Rogge: Dann empfehle ich den gelassenen Eltern, sobald sich die Situation beruhigt hat, das Gespräch mit diesen Eltern unter vier Augen zu suchen und zu sagen: „Das finde ich nicht in Ordnung, wie Sie eben reagiert haben.“ Um das noch mal klar zu unterscheiden: Wir reden hier von normalen pädagogischen Situationen, also nicht davon, dass Gefahr in Verzug ist. Wenn ein anderes Kind meinem Kind ständig die Schaufel über die Rübe haut, dann muss ich natürlich eingreifen, um mein Kind zu schützen.

Aber wenn ein Kind sich über ein anderes beschwert und von seiner Mutter Hilfe einfordert?

Rogge: Wenn ein Kind sich beschwert, nimmt man es kurz in den Arm, tröstet es und schickt es zurück.

… und sagt: Klärt das unter euch?

Rogge: Nein, man sagt am besten gar nichts. Mütter müssen immer viel zu viel reden. Deshalb sind Kinder oft „muttertaub“. Kinder machen dann einfach dicht und hören nicht mehr hin. Warum auch? Und Kinder haben keine Chance zu erfahren, wie es ist, die Konfliktsituation selbst zu meistern.

Stichwort „Situationen selbst meistern“: Würden Sie sagen, Kinder sollten nur Spielgeräte nutzen, die sie aus eigener Kraft erklimmen können?

Rogge: Ja. Ich kann zwar gemeinsam mit meinem Kind überlegen, wie es ein Gerät hinaufklettert, aber ich sollte es nicht hochheben. Kinder müssen lernen, dass sie nicht in jeder Situation alles und zugleich können. Sie müssen auch Frustrationen aushalten und dazu zählt, dass es vielleicht mit zwei oder drei Jahren noch nicht auf das Klettergerüst kommt, obgleich der gleichaltrige Freund das schon schafft. Das ist Begleitung der Kinder ins Leben, das ist Aushalten von Frustration. Wenn ich ein Kind hoch hebe, riskiere ich, dass es runter fällt.

Sie sprachen in Ihrem Vortrag davon, dass Väter ein Leben jenseits des „pädagogischen Vollprogramms“ darstellen. Sind Väter, in Ihren Augen, gelassener und deshalb die besseren Erzieher?

Rogge: Nein, es geht in der Erziehung nicht um besser oder schlechter. Väter erziehen anders und daraus resultiert, dass sie nicht selten eine etwas größere Distanz haben. Dadurch können sie häufig gelassener reagieren. Wobei gerade bei Vätern auch die Gefahr besteht, von der Gelassenheit in die Gleichgültigkeit, in das gleichgültige Gewährenlassen zu kippen.

Was sind die drei wichtigsten Verhaltensregeln für Eltern auf dem Spielplatz?

Rogge: Ich möchte keine Verhaltensregeln aufstellen. Aber ich gebe gerne Überlegungen oder Tipps, weil ich davon überzeugt bin, dass Mütter und Eltern bereit sind, sich selbst zu verändern. Und mein Tipp von vorhin „Kopfhörer auf und mit dem Rücken zum Kind“, ist zum Beispiel eine solche Überlegung. Also einfach mal auszuprobieren, wie es ist, nicht ständig im pädagogischen Einsatz zu sein.

Ein zweiter Tipp: Je jünger Kinder sind, umso schneller vergessen sie Regeln. Dann kann es sinnvoll sein, vielleicht ein „Zauberwort“ mit dem Kind zu vereinbaren. Dieses Wort steht zum Beispiel für „Nein“, „Pass auf!“ oder „Erinnere dich an die Regel, die wir abgesprochen haben.“ Eltern sind dadurch nicht gezwungen, ständig die Namen ihrer Kinder zu rufen oder Ratschläge zu verteilen, von denen ich anfangs gesprochen habe.

Der dritte Tipp: Wenn ich ein Kind reglementieren muss, weil es sich unangemessen verhalten hat, dann hole ich es aus dem Spiel raus und bespreche die Situation kurz unter vier Augen. Ganz wichtig: Kinder nie vor anderen Kindern reglementieren! Denn damit beschämt man das Kind – ein beschämtes Kind geht in die Rachefantasie und macht erst recht weiter.

Und eine letzte Frage: Wie sollten Spielplätze, aus Ihrer Sicht, gestaltet sein, um das kindliche Spiel optimal zu unterstützen?

Rogge: Spielplätze sollten immer Bereiche haben, die nicht einsehbar sind. Also Büsche, hinter den sich Kinder verstecken können. Sie sollten viel Aneignungstätigkeit der Kinder zulassen. Das heißt, nicht so viel Vorgeprägtes beinhalten, wie z.B. Spielgeräte. Die sind bestimmt auch wichtig, aber zentral für Kinder ist, dass sie im Spiel ihre Spielumgebung auch verändern können. Mit Sand beispielsweise können Kinder ungeheuer viel machen, Burgen und Straßen bauen und diese wieder vernichten. Das sind zentrale Momente des Spiels.

Spielen ist die wichtigste Form der Weltaneignung, und das Spielen ist die wichtigste Tätigkeit für die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes. Je mehr sich Kinder im Spiel ausleben und ausdrücken können, umso besser ist das. Von daher kommt natürlich auch dem Spielplatz eine ganz zentrale Bedeutung zu. Wie alle anderen Orten des Spielens auch.

Vielen Dank für dieses interessante Gespräch.

Zur Person: Dr. Jan-Uwe Rogge ist der bekannteste Erziehungsexperte und Familienberater Deutschlands. Er gibt Kurse und hält Seminare im In- und Ausland. Der Bestsellerautor schreibt über Familie, Kindheit und Medien und versteht es, seine umfangreichen Beratungserfahrungen informativ und zugleich humorvoll in seinen zahlreichen Büchern und Vorträgen zu verarbeiten.

Spielplatztreff.de/Blog – Von Bettina Schilling am 30. Mai 2010

 

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 2. Juli 2010 (de)

 

 

 

ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V.| Clarenberg 24 | D-44263 Dortmund | e-mail: ABA@ABA-Fachverband.org